Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Article
- Mexiko - auch ein gelobtes Land
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 6)
- Language
- German
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20 MENORAH Billigung wurden laut, wo immer zwei Sephardim sich beim Tee oder im Kontor trafen, sogar außerhalb der Stadt. Die Aschkenasim der früheren Einwanderung waren auch besorgt und geängstigt. Sie fürchteten, Mexiko würde darunter leiden, daß eine so deutliche, leicht erkennbare jüdische Schichte in Bildung begriffen war Sie fürchteten die Konkurrenz nicht nur, sondern sie wollten auch nicht als Juden erkannt werden. Sie prophezeiten eine mexikanische Judenfrage. Es ist bezeichnend, daß eine landwirtschaftliche Siedlung, die um diese Zeit gegründet wurde, folgenden Passus in ihre Statuten aufnahm: „Kolonisten, die den Versuch machen, widerrechtlich die Grenze nach den Vereinigten Staaten zu überschreiten, werden den mexikanischen Behörden zur Bestrafung überliefert". Das gehörte mit zu dem, was sie fürchteten: zudringliche Hausierer, Grenzschwindeleien, und die alte Geschichte vom bösen Geist „Judio", die vor vierhundert Jahren entstanden war, als man auf der Plaza Juden verbrannte, all dies zusammen könnte fruchtbaren Boden für Antisemitismus ergeben. Und diese selbe Angst beherrschte auch schon die Neueinwanderer. Sie ergriffen die Vorsichtsmaßregel, sich als Russen, Deutsche, Polen oder einfach als Ausländer zu bezeichnen, und das unheilkündende „judio" zu meiden. Sie sprachen von Volksgenossen als „einer von unsern Leuten". Einst traf ich in der Eisenbahn auf solch einen Wanderer, Er hatte kein Hausiererbündel, aber ich wußte doch, daß er wußte, daß ich wußte — und so weiter. Im Verlaufe des Gesprächs, das im kunstvollsten Spanisch geführt wurde, fragte er: „Ist nicht Herr Scholem Aleichem vielleicht ein Verwandter von Ihnen?" Und ich erwiderte hocherfreut: ,,Gewiß, Herr Aleichem Scholem ist ein guter Bekannter!" So vorsichtig war man längere Zeit, bis man fand, daß Mexiko einem aufs Wort glaubte, einen als Ausländer betrachtete und nicht anders behandelte, als die andern Ausländer — mit ausgesuchter Höflichkeit und einer gewissen Zurückhaltung. Zögernd begann man nun, sich als Israeliten zu bezeichnen und siehe da: der „Israelite" weckte poetische Gefühle im Mexikaner, genährt durch die Erinnerung an seine Leiden in biblischer Zeit, im Mittelalter und während der Inquisition. Dazu kam in den gebildeten Kreisen der Haß gegen Spanien und seine Einrichtungen; das war etwas Gemeinsames, und wenn der gebildete Mexikaner überhaupt daran dachte, daß seine