Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Article
- Mexiko - auch ein gelobtes Land
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 2)
- Language
- German
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16 MENORAH Die Assimilation war eine vollständige, das beweist der starke jüdische Einschlag in den mexikanischen Städten beim indo-mexikanischen Bevölkerungsteil, besonders in den oberen Schichten, in der Aristokratie und in der Kirche. Die Herrschaft der Spanier und die Inquisition beließen nur zwei Juden in Mexiko — einer ist eine Legende, der zweite ein Kinderschreck. Diese zwei sind die ersten Juden, die ich kennen lernte. Der Kinderschreck war der ,,judio", ein Teufel mit Hörnern und Schwanz; der Schwanz war manchmal kurz und geringelt, wie ein Schweineschwänzchen, manchmal lang und gegabelt. Wenn der liebe Gott schlimme Kinder strafen will, schickt er in der Nacht einen Juden, der stiehlt sie, tut sie in einen Sack und ißt sie zu Hause auf. — So erzählte mir die Kinderfrau. Manchmal sagte sie auch, wenn ich selbst schlimm gewesen war: ,,Du bist ein garstiges Kind. Die Juden haben in deinem Herzen getanzt!" — Weder sie noch ich wußten damals, wie nahe sie damit der Wahrheit kam! Aus ähnlichen Quellen lernte ich auch, daß ein Jude zweifellos einen Schwanz haben muß, denn im vulgären Spanisch heißt ein Schwanz „rabo", bei den Juden gab es einen „rabino" — der Zusammenhang ist klar! Oder: „toro" ist der Stier; die Thora der Juden ist offenbar nichts anderes als die weibliche Form hierzu, folglich beten die Juden eine Kuh an. Oder: die Juden sitzen beim Essen mit gekreuzten Beinen in der Asche und verspeisen Kruzifixe zum Nachtisch. Um;,den Satan zu exorzieren, brauchen sie bloß in der Luft ein Magar* David zu zeichnen. „Das alles aber sind alte Geschichten", tröstete mich die Kinderfrau. „Denn damals, als die Juden so zahlreich im Lande waren, raubten sie viele Frauen, und der liebe Gott schickte eine Sündflut über sie und vernichtete sie alle". Später lernte ich den legendären Juden kennen. Anacleto, der Maultiertreiber mit der gebrochenen Nase verwandelte die Teufel meiner Phantasie in Heldengestalten. Er erzählte mir von einem schönen israelitischen Mägdlein, das von der Inquisition verfolgt wurde. Am Tage, da sie den Feuertod erleiden sollte, malte sie an der feuchten Wand ihres Kerkers ein Boot mit weißen Segeln, wie Engelsflügel, und vor den Augen ihrer mönchischen Quälgeister stieg sie in das Boot und segelte von dannen. Anacleto wußte aber nicht bestimmt zu sagen, ob ein Israelite und ein Jude dasselbe seien. Er kannte noch einen andern Juden, den ewig wandernden, einen armen alten Mann, der nie still stehen durfte. Anacletos Großtante hatte ihn einst gesehen, hatte ihm Wasser gereicht und ihn