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Menorah · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · p. Seite 670

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Article
Der Regensburger "Ritualmordprozeß" 1476 - 1480
Date
1928-11-01
Page
Seite 670 (sequence 6)
Language
German
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670 MENORAH die stärkeren Machthaber erbittert — erfüllten die Stadt mit Streit und Hader und fanden in den kläglichen Zeitverhältnissen dazu stets Anlässe und Gründe. Zugleich vermehrten sich auch die äußeren Fehden, vor allem mit böhmischen Herren. Viele Juden begaben sich unter deren Schutz — „weil die Judischheit sich gein Behaim und anderswo verpflichten", schrieb der Stadtrat (Januar 1478). Die Juden gaben mit diesem „Hintergang" hinter die böhmischen Herren — so nannte man dieses HörigkeitsVerhältnis —, den Böhmen erwünschte Gelegenheit, sich in regensburgische Verhältnisse einzumischen. Aber der Zorn der Stadt gegen die Juden wuchs damit. Eine Folge des Niedergangs der Stadt war ihre Verarmung. Immer und immer wieder verlangt die Stadt, daß die — selbst verarmten Juden ihr die Kosten ihrer Gefangenschaft bezahlen, und am Ende war der Prozeß, der mit Christenmord und Gotteslästerung, den Hauptpunkten der ganzen Differenzen, begonnen hatte, zu einem Streit um die Prozeßkosten zusammengeschrumpft. Eine weitere Folge des Niedergangs war, daß die Stadt — schweren Herzens — auf ihre städtische Freiheit verzichtete und sich der Krone Bayern unterwarf. Weil aber der Kaiser, in Wahrnehmung der Rechte des Reichs, dagegen Einspruch erhob, erlangte die Stadt ihre „Freiheit" wieder, aber mit ihr ihre schweren Schulden und einen kaiserlichen Vogt. Die letzte Folge des Niedergangs war der Kummer, den die Bürger über die Entwicklung empfanden, und der Wunsch der Stadtväter, nicht als die Ursache dieses Kummers, sondern als Opfer böser Mächte zu erscheinen. Nicht allen ist es gelungen, sich vor dem Pöbel reinzuwaschen: einige Stadtväter wurden hingerichtet, und zwar unter sehr zweifelhaften Umständen. Aber im ganzen setzte sich doch die richtige Erkenntnis durch, daß es nicht die Stadtväter, sondern die unglücklichen Umstände waren, die die Entwicklung verursacht hatten. Unter diesen Umständen war es nicht schwer, den dumpfen Zorn des Volkes auf einen Sündenbock zu lenken. Die Wirkung der Verhältnisse — von unbekannten, unheimlichen Mächten hervorgerufen, die man heute „historische Entwicklung" nennt — führte in jenen Zeiten zu Kometenängsten und inneren Bedrückungen aller Art — Stürme vor dem Gewitter der Reformation. Mit diesen Aengsten die ungläubigen Juden mit ihrer Sittenfremdheit in Zusammenhang zu bringen, lag nahe genug. Das Stichwort hat der Bischof Heinrich von Regensburg gegeben, als er — von Trient zurückkehrend — die Aufmerksamkeit auf die Blutbeschuldigung lenkte, die dort ein;JudentäufIing gegen die Regensburger Juden — unter der Folter — erhoben hatte.

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