Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Regensburger "Ritualmordprozeß" 1476 - 1480
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 669 (sequence 5)
- Language
- German
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DER REGENSBURGER RITUALMORDPROZESS 669 die Verteilung des jüdischen Eigentums mit dem Bischof und dem Herzog Ludwig führte. Als nach einer zweieinhalb jährigen Gefangenschaft der Kaiser von den gefangenen Juden 10 000 Gulden forderte, erklärten diese, sie „getrauten dem Kaiser, daß er, von ihrem Nicht-Haben unterrichtet, sie nicht über ihr Vermögen belasten •werde". Diese — von dem unfreundlich gesinnten Stadtrat bestätigte, also gewiß glaubhafte — Armut der Juden ist aber nicht erst durch deren Gefangenschaft und Verhütung entstanden. Schon vorher waren sie dem Herzog Ludwig, dem sie vom Kaiser „verpfändet" waren, die Steuern schuldig geblieben. Bei dem Aufwand, den Herzog Ludwig „der Reiche" trieb, bei seiner Feindschaft gegen die Juden — die er aus einem eigenen Land bereits vertrieben hatte — und dem ererbten Geschäftsgeist seines Hauses kann man diese Steuerschuld der Juden nur aus deren Zahlungsunvermögen erklären. In der Blütezeit des Raubrittertums war jede Handelstätigkeit und Handelsstadt gefährdet, aber kaum eine so sehr wie Regensburg. Wer „das Wasser" — d. h. die Donau — absperrte, und das geschah durch die Feinde der Stadt sehr häufig, konnte die Handelstätigkeit völlig lahmlegen. Die Klagen der Bürger über weggenommene Schiffsladungen nehmen seit der Mitte des Jahrhunderts kein Ende mehr. Zu diesen kriegerischen Wirren kamen die politischen. Solange die luxemburgischen Kaiser in Prag regierten, hatte Regensburg an der Donauverkehrsader noch keinen gleichbedeutenden Konkurrenten, und überdies im kaiserlichen Böhmen ein aufnahmewilliges Hinterland. Als mit den habsburgischen Kaisern, nach Kaiser Sigismunds Tod, die Stadt W i e n an Bedeutung gewann, war es um den Warenumschlag in Regensburg geschehen. Schon vorher war aber Böhmen als Absatzgebiet durch die Hussitenkriege verloren gegangen. Damals ist Regensburg aus einer Metropole eine Provinzstadt geworden und hatte wirtschaftlich wie politisch die Folgen dieses Rückgangs zu tragen. Die Folgen waren vielerlei: innere Wirren, die ein halbes Jahrhundert andauerten, und daraus folgende Rechtsunsicherheit. Einst lud der städtische Hauptmann, ein liederlicher Adliger aus der Umgegend, die Juden zur Abrechnung ein und nahm sie dabei gefangen, wobei einer erschlagen wurde. Ein anderer entführte seinem jüdischen Gläubiger sein Kind, um einen Schuldenerlaß zu bekommen. In diesen inneren Wirren ging das alte Stadtpatriziat seiner Macht verlustig. An die Spitze der Stadt trat das Kleinbürgertum — d. h. diejenigen Kreise der Stadt, unter denen die Juden ihre meisten Schuldner hatten. Dieselben Kreise, im politischen Kampf hochgekommen, aus vielen — und z. T. wohlberechtigten — Gründen gegen