Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Jüdisches Theater
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 645 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHES THEATER 645 Stück von Perez ,,Die Nacht auf dem Alten Markt", tritt das mit bedauerlicher Deutlichkeit zutage. Dieses merkwürdige Sinnspiel eines großen Dichters, das halb Traum, halb Leben, die letzten Qualen, Zweifel und Freuden des Juden versinnbildlichen will, ist von Granowski von Grund aus umgeknetet worden. Er hat diese schöne Dichtung zu einem einfachen Anlaß für die eigene Regiekunst gemacht und das Ineinanderweben von Wachen, Traum und Tod zu einer kalten, raffiniert ausgeklügelten Tanzgroteske umgebogen. Nur im Totentanz des grauenden Morgens, mit dem das Stück schließt, spürte man die Hand des großen Künstlers. Das Volksstück ,,Zweimalhunderttausend4' hat auf mich viel tiefere Wirkung geübt. Die Geschichte des armen Proletariers, des Schneiderleins, das auf einmal durch das große Loos ins Bürgerliche verschlagen wird und sieh an allen Ecken und Kanten dieser verdorbenen Welt stößt und wehetut, bis es selig in sein liebes Proletariat zurücksinken darf, gab Gelegenheit, nicht nur etwas Volkstümliches zu zeigen, sondern auch den Geist der Revolution dort anzupacken und künstlerisch zu gestalten, wo er am furchtbarsten ist. Der steife Tanz der sich einförmig und eingedickt im Kreise drehenden Gewirim und die Inbrunst des geigenden Klesmer, der das Ohr sehnsüchtig zu den Saiten seines Instrumentes neigt und mit hungrigen Augen über die Welt der Reichen, die sich ihm zu Füßen dreht, hinwegträumt, waren nicht nur Glanzleistungen der Regiekunst, sondern auch kraftvolle Aeußerungen menschlicher Polaritäten. Das Meisterstück der Granovvski-Truppe war der dramatisierte Mendele Moicher-Sforim: ,,Die Reise Benjamins III". Welch ein herrlicher Gedanke des Dichters, das Schicksal des Juden als ein Don-Ouixote-Schicksal zu sehen und in diesem Binjoinin mit seinem Sancho Pansa Senderl es so ergreifend zu gestalten. Zweifellos, daß die Moskauer auch hier nur die Sehnsucht des Proletariats und seine Herzensgute durch das Prisma seiner Sehnsucht zur Darstellung bringen und damit revolutionäre Arbeit leisten wollten. Aber wie Heine von Shakespeares Shylock sagte, kann man auch von dieser unvergleichlichen Darstellung sagen: Die Hand der Gottheit, die stärker ist als alle menschliche Vernunft, machte, daß aus diesem revolutionären Drama ein beinahe religiöses wurde, das hohe Eied von der Sehnsucht eines Volkes, das über die Welt zerstreut ist, sein Sehnen hineinschaut in alle Dinge, selbst in die toten. Wie die beiden armen phantastischen Teufel, entzündet an der Erzählung des