Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Jüdisches Theater
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 646 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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M ENORAH Dichters vom Messias und dem Lande Israel, sich auf den Weg machen, um das Land ihrer Sehnsucht zu linden und im ersten Dorfe, dem sie begegnen, schon Stambul, im ersten Flüßchen das große Weltmeer erblicken, löst tiefe Erschütterungen aus. Granowskis Künstlertheater hat optisch, motorisch, musikalisch reichste Eindrücke vermittelt. Die Architektonik des Bühnenaufbaues, die lebhafte Rhythmik in Tanz und Gebärde, die flinke Schnelligkeit der musikalischen Einlagen sind aller Bewunderung wert. Daß der Anti-Gott und der Anti-Bourgeois den Taktstock führen, ist völlig belanglos gegenüber der unzweifelhaften Kunst, mit der sich alles bot. Diese Kunst war nicht supernaturalistisch wie bei der Habimah, sondern erklärter Antinaturalismus, eine lllusionskunst hohen Stils. Soll es das Meer sein, so wird ein blaues Band von zwei phantastischen Gestalten über die Bühne gezogen. Ist es die Glubsker Schenke, so erscheint die Wirtin mit ein paar dicken Bettkissen und das „Gute Nacht!" ist da. Es wird mit imaginärem Faden und nicht vorhandener Nadel genäht, man trinkt sich ohne Wein und Becher zu, Kontrakte werden unterschrieben ohne Feder, Tinte und Papier. Und es geht nicht nur, sondern es geht besser als mit den papiernen Ersatzstücken und Versatzstücken unserer Bühne. Wie drei Wellen schlugen diese drei jüdischen Bühnen der Wilner Truppe, der Habimah und des Moskauer Akademischen Kunsttheaters an die Gestade unseres westeuropäischen Kunstwollens und Kunstempfindens. Es ist schmerzlich zu sehen, wie jede dieser drei Wellen kam, unsere Ufer befruchtete und zerrann. Drei Bühnen, drei Schicksale, und wie es scheint eines so wie das andere. Bleibt die Frage: Was soll aus der jüdischen Bühne werden? Soll sie heimatlos über die Erde wandern, Triumphe ernten, ohne daß diesen Triumphen die materielle Geborgenheit und Sicherheit folgt? Der einzige Hoffnungsschimmer bleibt fürs erste Erez Israel, wo wir dem Reste der Habimah neuen Aufstieg und dauernde Verwurzelung wünschen. Die Not und Gefahr dieser Bühne bleibt allein die Tatsache, daß sie fürs erste kein Repertoir hat. Wo sind die hebräischen Dichter und zumal die glücklichen Dramatiker, die dieser Bühne nicht nur den Anlaß geben, ihre eigene Kunst zu zeigen, sondern den Altar stellen, auf dem diese Priesterkünstler das heilige Opfer ihres Dienstes bringen können? —