Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Weg des Arnold Zweig
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 627 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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WEG DES ARNOLD ZWEIG 627 worden, kam nach Serbien; stand dreizehn Monate vor Verdun — von wo uns, wenn einer seiner dichterischen Pläne zur Reife gelangt, noch in Zukunft einmal ein Roman „Erziehung vor Verdun" erzählen wird. Dann kam er nach dem Osten, lernte Kowno und Wilna kennen, sammelte in leidvollem und mühseligem Erleben die Bausteine, die später einmal zur Errichtung jenes großen und eindrucksvollen Kriegs-Denkmais das er den „Streit um den Sergeanten Grischa" nannte, dienen sollten. — Nach dem Kriege ging er nach Bayern; oder vielmehr, sein Schicksal führte ihn wohl dorthin, damit er nach den Schrecken des Krieges nun auch die Schrecken der Nachkriegszeit in ihrer furchtbarsten, dem Juden bedrohlichsten Gestalt auskosten sollte. Den „weißen Terror" hat er dort miterlebt; aus dem ruhigen Starnberg, wohin er sich zurückgezogen hatte, um zu arbeiten, trieb ihn allmählich jene dumpfe Woge, die er gerade in diesen Jahren in den Aufsätzen, die er später im Caliban vereinigte, als Psychologe zu ergründen suchte. — Seit 1923 lebt er am Rande Berlins, der Weltstadt nahe genug, um sich ihrer Hilfsmittel zu bedienen, ferne genug, um sie vergessen zu können. Das Buch „Caliban", das wir eben erwähnten, trägt einen Doppeltitel: „Caliban oder Politik und Leidenschaft". Es entstand aus einer Reihe von Aufsätzen, die er damals für die Zeitschrift „Der Jude" schrieb; aber die tiefere Ursache seines Entstehens bildete wohl die bittere Enttäuschung, die in jenen Jahren manch Einer der „in deutschem Geiste lokalisierten jüdischen Dichter", wie Zweig selbst sich nennt, erlebte: als nach dem verlorenen Kriege die Woge des rohen und wilden Antisemitismus Deutschland überflutete, im Juden den Prügelknaben suchte, Rathenau das Leben raubte und vielen anderen das Leben verdüsterte. Mir will scheinen, als ob die Keimzelle dieses Buches eines in deutscher Sprache und in deutschem Geiste dichtenden Juden die ungeheure Ratlosigkeit gewesen wäre, als er plötzlich sich von seinen Hörern getrennt, ja abgeschnitten fühlte, als ihm seine Stimme ohne Widerhall im luftleeren Räume zu verklingen schien. Nun sieht er in einem Bilde aus Shakespeares Sturm die Erscheinung des Antisemitismus: Caliban, der unterhalb von Gut und Böse lebt, „ein Bursche, bemitleidenswert noch in seiner bellenden Bosheit". Aber — und das ist das Bedeutsame in diesem Buche: ungleich den Kollegen von der lobenswert unzulänglichen „Abwehr des Antisemitismus" glaubt er nicht, mit diesem oder mit irgendeinem Buche dem Antisemitismus den Garaus machen zu können: vielmehr will er — wie etwa das fast zur gleichen Zeit erschie-