Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Weg des Arnold Zweig
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 626 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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626 MENORAH Meisterschaft, eben jener „Lockerheit des Wortes und Geschmeidigkeit des Denkens", die er selbst am Juden hervorhebt — darin: daß dies Buch genau zur rechten Zeit kam — zur unheimlich rechten Zeit. Hier faßte ein Mensch das Jugendbild seiner Epoche gerade in dem Augenblick zusammen, als diese Epoche zu Ende ging. Nicht umsonst hat sich der Erfolg dieses Buches in den ersten Kriegs jähren noch gesteigert. Es war ein Buch des Abschieds. Abschied von einer Zeit; von einer Jugend, die nicht nur verschwand wie die Jugend jedes Menschen, um der Reife des Mannesalters Platz zu machen — nein: die versank, als wäre sie nie gewesen. Auch für Zweig selbst scheint nicht viel mehr als ein Jahr später die Welt der Claudia schon Jahrhunderte fern zu liegen. Denn schon 1913 entstand — in einer Winterwoche wie im Traum hervorgeschleudert — das Drama, das dem erfolgreichen Novellisten nun auch den ersten großen Bühnenerfolg »eines Lebens bringen sollte, „Ritualmord *n Ungarn", wie die erste „Semaels Sendung", wie die zweite Fassung hieß. Das Judendrama hat einen langen Leidensweg wandern müssen, ehe es zum Lichte der Rampen gelangte: gedruckt ward es, während sein Dichter schon zum Heeresdienst eingezogen war; sogleich nach Erscheinen wurde es verboten; erst 1918 wurde das Verbot aufgehoben. Und dann begann der Siegeszug. Das Werk bildet nicht nur stofflich den schärfsten Gegensatz zu den Novellen um Claudia, sondern, so will es scheinen, auch im Rhythmus seiner Form. Dort ist alles auf Schattierung, Halbtöne, Nuance eingestellt; hier wird ein grauses Geschehen, das in den rohen Berichten der Zeitungen noch vor aller Augen stand, mit derber Hand angefaßt und zusammengeballt — ohne übrigens in irgendwelche seelischen Tiefen zu leuchten oder auch nur leuchten zu wollen. Und doch bleibt zum mindesten eine Szene dem, der sie einmal gehört oder gesehen hat, unvergeßlich: nicht jene „Frühstückszene im Walde", die der Dichter selbst für das packendste und gelungenste Bild des Ganzen hält (wohl weil ihm hier die Schöpfung am schwersten fiel) — sondern das Verhör des Judenknaben Moritz Scharf, wo sich eines Judenkindes Seele offenbart: übrigens, wenn ich mich recht erinnere, gerade die Szene, der Elisabeth Bergner die Morgenröte ihres Ruhmes verdankte. Im Jahre 1915 wurde diesem Drama der Kleist-Preis zuerkannt. Die Nachricht traf eine veränderte Welt und einen veränderten Menschen. Zweig, der unterdessen in München und Berlin Germanistik und Philosophie studiert hatte, war als Armierungssoldat eingezogen