Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Besiegte
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 621 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DER BESIEGTE 621 Westens, die sich scheuten, die vornehmen und großartigen Läden ringsum zu betreten. Außerdem gab es arme Italiener in Mengen in dieser Gegend, und auch sie kauften ihre Wäsche und billige fertige Anzüge, Arbeitsgewänder und Möbel bei Friedenfeld & Cohn. Möbel waren die Spezialität des Hauses. Ein paar Salongarnituren verrotteten und verblichen unberührt in einer Abteilung des Oberstockes, aber was abging, wie heiße Semmeln, waren billige Schlafzimmer aus Eichenimitation mit gemalten „Marmor"- tafeln, rohe weiche Küchensessel und Tische, und kleine Baumwollteppiche. Mit diesen Waren war das Magazin derart angefüllt, daß es geradezu ein Kunststück für den Verkäufer war, die Kunden durch die schmalen Gäßchen zu führen, die ausgespart waren. Es war dunkel und stickig und roch nach Holz, Firnis, Terpentin, Linoleum und billigen Teppichen. Trotz alledem schien das Warenhaus Jakob Levy nicht nur bedeutend und großartig, es war ihm eine Zuflucht und ein Hort, als er vom Chef mit acht Dollar wöchentlich angestellt wurde, mit der Aufgabe, das Magazin zu kehren und bei Tage zu bewachen. Jakob Levy analysierte seine Gefühle nicht. In späteren Jahren pflegte er zu sagen, daß er noch sehr jung war, als er amerikanischen Boden betrat, und daß er deswegen die alte Heimat und ihre Lebensweise schnell vergaß. Es war aber in Wahrheit nicht bloß ein einfaches Vergessen. Sein Gemüt stieß mit Erleichterung all die Furcht und Schmach ab, die er in Europa erlitten hatte; ja, es kostete ihn die größte Ueberwindung, auch nur an seine Eltern zu schreiben. Nicht daß er etwa lieblos oder pflichtvergessen gewesen wäre. Im Gegenteil. Er hatte ein liebevolles und pflichttreues Gemüt, und weil ihn das Leben irgendwie gezwungen hatte, dies sein Wesen zu verleugnen, floh er diese vergeblichen Gemütserschütterungen und die alte Furcht. Es ist sehr fraglich, ob er sich je dieser Vorgänge in seinem Innern bewußt wurde. Jedenfalls nicht deutlich genug, um den Staub der Jahre zu durchdringen, der sich allmählich darüber lagerte. Es war also sicher ganz ehrlich gemeint, wenn er sagte — und viele andere mit ihm, denn starke Charaktere und erfolgreiche, normale Menschen wandern selten aus —, daß er die alte Heimat vergessen habe. Einfach vergessen. Viel, viel später erschien sie ihm im Lichte einer lieblichen und rührenden, aber beunruhigenden Vision, und da sein Vater noch sehr lange lebte, nahm er sich immer wieder vor, sein Jugendland noch einmal aufzusuchen. Indessen kam immer etwas dazwischen, und