Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Besiegte
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 619 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DER BESIEGTE 619 ersten Tagen in einer Einwandererherberge wohnen, einer dreckigen Bude mit miserablem Publikum. Aber das war nur ein paar Tage. Ich habe mich in der Stadt umgesehen, bin nach Osten gegangen bis in die 14. Straße und da habe ich bei einem Zeitungsstand deutsche Zeitungen aufliegen gesehen. Ich habe mir gleich eine gekauft und in der Union Square habe ich mich auf eine Bank gesetzt und habe angefangen zu lesen. Wie heute kann ich mich noch daran erinnern. Es war schrecklich heiß, nie haben wir in Insterburg solche Hitze gehabt. Und doch war alles so lebendig — die geschäftigen Menschen, die vielen Wagen. — Auf dem Platz trieben sich auch ein paar armselige, abgerissene Gestalten herum, Menschen mit kalkweißen Gesichtern, bis auf die blauen Adern und roten Pusteln, die sie im Ueberfluß hatten. An einen kann ich mich noch bis heute erinnern, einen zwerghaften Menschen mit Kleidern, die einem Goliath gehört haben müssen. Immerfort hat er mit der Schulter gezuckt und Zigarrenstummel hat er aufgelesen —" „Und doch, trotzdem ich in Insterburg niemals so ein Elend gesehen habe, war ich nicht ein bißchen deprimiert durch diese Bettler und Säufer. Sie schienen mir nicht zu Amerika zu gehören. — Nun, dann habe ich meine deutsche Zeitung aufgeschlagen und habe angefangen, die „Offenen Stellen" zu studieren. Ich habe mir gedacht: schau, daß du Arbeit findest und dir dein kleines Kapital sparst. Und wie ich noch so dasitze und mir überlege, ob ich die Arbeit treffen könnte, die da ausgeschrieben war — lauter ausgefallene Sachen für mich — da setzt sich ein alter Herr zu mir und fragt mich halb deutsch, halb englisch, ob ich ein „Grüner" bin und wie mir Amerika gefällt. Hin und her geschaukelt hat er sich, sehr zufrieden und vergnügt, und hat mir erzählt, daß er schon vierzig Jahre in Amerika ist, und daß es das beste Land der Welt ist. Ja, ja, ihm war es recht. Im Zwischendeck ist er damals hergekommen, auf einem Segler. Was wissen die Heutigen, hat er gesagt, von Strapazen! Zweieinhalb Dollar hat er in der Tasche gehabt bei der Landung. Arbeiten muß man in Amerika, aber das ist gut so. Und der alte Herr hatte selbstgefällig seinen Riesensolitär am Finger betrachtet, und die dicke goldene Uhrkette. — Das war der alte Sol Friedenfeld, Kinder, der Großvater von den Freefield-Mädeln." Und Alfred und Hazel Levy kicherten bei dem Gedanken an Ethel und Genevieve Freefield in ihrem Palais in der 6. Straße, Ost, mit den achtunggebietenden riesigen Lakaien, und das Kichern war