Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Besiegte
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 618 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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618 MENORAH diese Schmach mit Europa; und er identifizierte die Klugheit und Voraussicht, die sich doch aus diesem Grauen und dieser Schmach entwickelt hatten, mit Amerika. In späteren Jahren pflegte er immer wieder zu betonen, wie sich sein Schicksal zum Besseren gewendet habe, mit dem Augenblick, als er amerikanischen Boden betrat. Er wußte nicht, daß er diese Besserung bloß der moralischen Erschütterung zuzuschreiben hatte, die seinen Charakter nun plötzlich zur Reife brachte. Trotz solcher Erwägungen, die er selbst als kindische Haarspaltereien beiseite geschoben hätte, muß man doch zugeben, daß vieles richtig war in seiner Lieblingsrede, die er in seinem ersten amerikanischen Jahren vor Neuankömmlingen loszulassen pflegte — später beschränkte er sich damit auf den Familienkreis. „Drüben", so pflegte er zu sagen, „drüben hat man nicht Platz gehabt, um sich zu rühren. Nehmen wir Insterburg zum Beispiel. Man war der und der, der Sohn von dem und dem, und fertig. Was konnte man machen? Wie im Gefängnis war man. Ja gewiß, es hat auch Wege gegeben hinaus aus dem Gefängnis. Aber jeder Weg war eng umzäunt mit besonderen Verordnungen und Gesetzen und Vorschriften und Prüfungen. Vor allem mußte man das Einjährigenexamen machen, um nicht drei Jahre dienen zu müssen. Und ein Jahr mußte man auf alle Fälle abdienen. Alles hing von Prüfungen ab. Und das Geschäftsleben — du lieber Gott! Das konnte man ja gar kein Geschäft nennen. Mein Vater war gewiß ein ehrlicher Mann und ein tüchtiger dazu, und geplagt hat er sich sein Leben lang — meinen Feinden gesagt! Und was hat er gehabt? Das nackte Leben und ein paar hundert Taler für jedes Kind, das war alles. Als armer Mann ist er gestorben. In Amerika —" Hier hob Jacob Levy stets ermahnend den Zeigefinger — „In Amerika ist es ganz anders." Bei diesem Punkte pflegten die jüngeren Familienmitglieder in späteren Jahren höhnisch den Mund zu verziehen, und Jakobs Finger hob sich höher, seine Wangen färbte ein schwaches Rot. „Zu meiner Zeit wenigstens war es anders. Wenn man nur ehrlich und anständig war, blieb sich alles andere gleich. Man war ein geachteter Mann. Und was noch wichtiger war: man konnte sich an dem und jenem versuchen, bis man sah, wofür man am besten paßte. Man mußte nicht drei Jahre lang als Lehrling dienen. Man war niemandes Knecht. Schaut mich an! Neunundsiebzig bin ich gelandet, mit dreihundert Dollar in der Tasche. Nicht ein einziges Wort Englisch habe ich gewußt, Deswegen mußte ich in den