Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Besiegte
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 617 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912890-2922815--07183-2922939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER BESIEGTE 617 Diese Entwicklung ging aber unendlich langsam vor sich, und nur in einzelnen Individuen ist sie bis zur Vollendung gediehen, so in Jeremias, Jesaia, Jesus, den Märtyrern der Kreuzzüge, den früh-chassidischen Rebben, den Pazifisten und Freiheitsschwärmern da und dort. In einer Welt, in der die Gewalt triumphiert, ängstigt sich der Jude weiter, und Judas verrät Christus in einer Brust. — Rabbi Jehoschua von Nazareth, selbst wie ihn uns die späten und verwischten Legenden der Evangelien darstellen, hatte die Furcht exorziert. Wohl sollte das Gesetz, der Rückhalt für Israels Erhaltung, geachtet werden. Mindestens gleichgeachtet aber sollten jene schriftlich und mündlich überlieferten Vorschriften sein, nach denen Israel schon Generationen hindurch Haß und Gewalt verleugnet und Liebe und Demut und Frieden geübt hatte. Diese Gesetze, von einem genialen Kopf in ein neues, eindrucksvolles Gewand gekleidet, vertieft und gekräftigt, sollten nun bis ins kleinste befolgt, die Handlungen der Menschen ganz und gar mit ihnen in Einklang gebracht werden — es sollte keinen Widerstand mehr geben, bloß hingebende Nächstenliebe und erbarmendes Wohltun. Caesar sollte bekommen, was Caesars war, aber ebenso sollte der Räuber auf der Landstraße nicht nur den Mantel bekommen, sondern auch noch den Rock. Die andere Wange sollte dargeboten werden, der Geist sollte in nackter Majestät über den Körper triumphieren. Judas hörte die Botschaft und glaubte. Aber noch immer hämmerte wie ein Puls die Angst in seiner ungeläuterten Seele. Es gab Augenblicke, wo ihm der Verzicht auf die Gewalt nicht groß erschien, sondern klein und feige. Er sah sich im Staube, gebeugt und verachtet, und aus dieser Angst entsprang die kompensierende Vision vom Messias mit dem flammenden Schwert des Eroberers. Wie denn? So konnte Rabbi Jehoschua nicht der Messias sein, bloß ein Verräter, der das bedrückte Volk noch schwächte. Und in einem Paroxysmus der Furcht brachte Judas die Landsknechte an das Tor des Gartens von Gethsemane. Der Paroxysmus ging vorüber, die kompensierende Vision verschwand, und Judas, ein Jude, sah klar, daß er die Todsünde begangen hatte, Gewalt zu brauchen und den Frieden zu verleugnen. Da warf er die dreißig Silberlinge fort und ging hin und erhängte sich. J)as Grauen und die Schande, mit denen die letzten Ereignisse seines Lebens in Europa verknüpft waren, hatten tiefe Spuren in Jakob Levys Gemüt hinterlassen. Er identifizierte dies Grauen und