Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Besiegte
- Date
- 1928-11-01
- Page
- Seite 616 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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616 MENORAH heiten: plötzlicher Argwohn, Angst vor der Angst, Selbstberuhigung ohne innere Ueberzeugung, Wut, die sich scheinbar gegen andere kehrt, in Wahrheit gegen das eigene Ich gerichtet, Empfindlichkeit in tausend verzerrten und widersprechenden Formen. Die Feigheit, die man gemeinhin dem Juden vorwirft, gehört nicht hierher. Eine richtige Einschätzung der Gefahr ist nötig, wenn man am Leben bleiben soll. Angst und Furcht ohne sichtbaren Grund aber sind Symptome der Tatsache, daß kein guter Stern über den historischen Erfahrungen unserer Rasse leuchtete. Tausend Jahre der Verfolgung, nur selten durch Schonzeiten unterbrochen, und noch heute durch Pogrome in Rumänien und anderwärts fortgesetzt, würden vollauf genügen, um den Minderwertigkeitskomplex des Juden und sein unauslöschliches Bestreben nach Kompensierung zu erklären. In Wahrheit aber liegen die Gründe noch weiter zurück. Die Bnei Israel waren von jeher ein schwaches Völklein. Was weiter, wenn es ihnen auch in der Blüte ihrer Kraft gelang, einen Streifen palästinensischen Hügellandes von ein paar zerstreuten Barbarenhäuptlingen zu erobern? Kaum hatten sie ihren kleinen Staat gegründet, als schon die Schatten Aegyptens und Babylons darüber sanken und ihn fast auslöschten. Ein einziges Mal verjagten sie einen assyrischen König und schrieben den Sieg ihrem Gotte zu. Niederlagen und Demütigungen waren ihr tägliches Brot. In der früh-Davidischen Zeit war nicht einmal Jerusalem in ihrem Besitz. Salomo, ihr größter Stolz, dessen Glanz doch auch nur eine kurze Spanne Zeit umfaßte, mußte sich Baumaterial und Kunsthandwerker aus Tyrus kommen lassen, denn die Israeliten waren ungeschickte Arbeiter. Es bleibt sogar zweifelhaft, ob sie je hervorragende Krieger waren — sie kämpften ja nie anders als gegen eine überwältigende Uebermacht. Dann kam die babylonische Gefangenheit. Vorbei war der kurze Traum eines Volkes, das anderen Völkern gleich sein wollte. Die kriegerischsten Helden der Juden, Juda Makkabi und Bar Kochba, sind Führer vergeblicher Hoffnungen, Helden des Untergangs, dem Verderben verschrieben, bevor noch ein Bogen gespannt, ein Schwert gezückt wurde. Sie zitterten und zagten, sie sangen ihre Bußpsalmen — und sie kompensierten ihre Minderwertigkeitsgefühle, indem sie das Wesen der Gerechtigkeit entdeckten, das also lautete: Gewalt ist von Uebel, Krieg ist Sünde, leidendes Martyrium ist Triumph, Sieg ist Niederlage und Erfolg ist Mißlingen. Sie überwanden die Wertungen einer kriegerischen Welt, einfach indem sie ihr Vorhandensein leugneten.