Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Article
- Der Besiegte
- Date
- 1928-11-01
- Page
- 615 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH VI. JAHRGANG NOVEMBER/DEZEMBER 1928 NUMMER U/12 DER BESIEGTE Von Ludwig Lewisohn. III. Buch. Vorbemerkung der Redaktion: Wir haben in Heft 1 des VI. Jahrgangs der Menorah einige Kapitel aus diesem bedeutenden Buche gebracht, die das Schicksal des Tobias Levy behandeln, eines jener Ostjuden, die mit aller Macht vom eigenen Volkstum fortstreben: Tobias, der Sohn eines litauischen Schnapsbrenners, wird kraft seiner Begabung eine bedeutende Persönlichkeit des Berliner Barreaus, spielt eine Rolle in der Politik, alles als Christ und Preuße, und erkennt zu spät, als sein Haus in seinen Kindern zusammenbricht, daß er mit eigener Hand die Wurzeln seiner Kraft zerschnitten hat. — Das dritte Buch erzählt nun die Geschichte eines jüngeren Bruders, eines hübschen Jungen von mittelmäßiger Begabung, der infolge einer Affäre mit einem litauischen Dienstmädchen, durchaus nicht aus einem tieferen Drange heraus, nach Amerika geht. Das Buch ist inzwischen unter dem Titel „The Island within" in Amerika erschienen. Es ist nur folgerichtig, daß es ein jüdischer Arzt war, der die Rolle der Minderwertigkeitsgefühle im Seelenleben des Menschen entdeckte und beschrieb. Denn während es eines besonderen Grundes bedarf, um diese leidigen Gefühle in anderen zu wecken, leben sie ohne besonderen und sichtbaren Grund in jedem Juden. Und noch ein Unterschied ist festzustellen, wobei wir ausdrücklich bemerken wollen, daß Verallgemeinerungen niemals vollständig sind. Wo ein Grund bekannt ist, fügt sich der Geist. Wo er nicht bekannt ist, lehnt sich die Seele auf. Ein Bankkassier, der mit dem Gelde der Firma spielt, zittert vor jedem Schatten. Merkt er, daß es bloß ein Schatten ist, so seufzt er erleichtert auf. Der Jude, der nichts verbrochen hat, zittert auch vor jedem Schatten. Er haßt den Schatten, er haßt sich selbst, er haßt die Welt, in der es soviel Schatten gibt; er muß darüber hinaus, koste es, was es wolle; er wird arrogant und erklärt, es gäbe keinen Schatten, alles strahle in schattenlosem Licht. Aus dieser Einstellung entwickeln sich komplizierte Seelenkrank-