Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Zur jüdischen Volkskunde
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 605 (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE VOLKSKUNDE 605 kann, der VV illc nicht weiter reicht als die sprachliche Formulierung, in der die Erklärung ihren Ausdruck gefunden hat'1). Daher wird auch die eidliche Verpflichtung (sowohl was den Inhalt des Versprechens, als auch die Kolgen des Kalscheides anlangt), durch die in Eidesformeln gebrauchten Worte festumgrenzt; es gibt hier, ebenso wie beim Rechtsgeschäft und den Rechtsnormen, zunächst keine andere Interpretation als die strenggrammatische, und was mit dem späteren Aufkommen der an! den Sinn gerichteten, als Umgehung erscheint, gilt als vollkommen rechtmäßige und auch \oni moralischen Standpunkt aus betrachtet, einwandfreie Denk- und Handlungsweise. Aus einem gaonäischen Responsum geht hervor, daß es in der Gegend, in welcher der Kragesteiler seinen Wohnsitz hatte, üblich war, durch Sprechen zur Wand einen Schwur zu umgehen. Da auf die Krage, oh dies gestattet sei, vom Respondenten eine verneinende Antwort erteilt wird, auch sonst im jüdischen Schrifttum sich keine Spur eines solchen Brauches nachweisen läßt, nimmt A p t o w i t z e rhl) an, daß es sich hier um eine Entlehnung aus einem fremden Vorstcllungskreise handle. In der Tat begegnet die W and als Gesprächsvermittler schon im babylonischen Gilgameschepos und von einer Witwe Mohameds (Unnu Salima) wird berichtet, dal.5, sie sich des gleichen Mittels, um eine eidlich abgegebene Erklärung zu umgehen, bedient habe. Diese Funktion übernimmt in der griechischen Sage eine Grube, in welche der zur Geheimhaltung Verpflichtete das Geheimnis flüstert'1). Gleichwohl halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß in den volkstümlichen Anschauungen der -luden, als die Entwicklung in Recht und Moral schon längst eine höhere Stufe erreicht hatte, sich Spuren dieser ursprünglichen Denkweise erhalten haben und es ist daher nicht nötig, hier eine Entlehnung aus dem Vorstellungskreis anderer orientalischer Völker anzunehmen. Die gleiche Vorstellung rindet sich nun auch auf deutschem Boden, in einer der mehrfach begegnenden Parallelen zur griechischen Ariadnesage. Von einem Räuber, so geht die mecklenburgische Sage1-), der auf dem Kcllerherge bei Wismar haust, wird ein Mädchen lange Jahre hindurch gefangen gehalten. Auf ihre Bitten wird ihr eines Tages gestattet, auf kurze Zeit zu ihren Angehörigen zurückzukehren; vorher muß sie jedoch einen Schwur leisten, niemandem über den Ort, an welchem sie gefangen gehalten wird, Mitteilung zu machen. Bei ihren Verwandten angelangt, verweigert sie zunächst jede Auskunft über ihren bisherigen Aufenthaltsort, erklärt sich aber schließlich auf vielfaches Drängen bereit, dem Ofen das Geheimnis anzuvertrauen1'). Auch hier wird also die direkte Ansprache durch Mitteilung an eine Sache umgangen. E s ist a 1 s o , wie die mecklenburgische Sage lehrt, eine allgemeine, nicht auf den o r i e n t a 1 i s c h - s e in i t i - sehe n Kult u r k r e i s b e s c h r ä n k t e v o 1 k s t ü m liehe Ans c h a u u n g , die es gestattet, sich durc h M i t t e i- 1 u n g a n eine m G e g e n s t a n d (Wand, () e i usw.) v o n d c r i n c i d 1 i c h e r K o r m begrenzten Pflicht zur Geheimhaltung einer T a t s a c h e zu hefreien. Der Ofen ist auf deutschem Boden ein Objekt der häuslichen Einrichtung, dem man seine Wünsche oder Geheimnisse anvertraut, von dem sich auf niederdeutschem Gebiet insbesondere die jungen Mädchen einen Mann erbitten11.!') S. /.. \\. über <!.»•» älteste tterht der Römer I) a n z , Der sakrale Schulz im römischen Rechtsverkehr (.Jena 1M57) S. 3 f. 11 Fl\ ,0) a. a. O. S. ö, ebenso Steins e h n e i d e r . Kev.: des elndes jui\es 1904 |>. 220. 11) A p t o \\ i t z e r a. a. (). S. <> und die dort yil. Literatur. 15 a r l s c Ii , Si.gen, \läii-hcn und Obiüinhc aus Mecklenburg I n.;>44, R a d e r ni a c Ii e r im Wiener Lranos (lü'.HM S. 2!!ö IT. H r a s s I o I' i , Ztschr f. österr. Volkskunde X\ (H)I4) S. «7 iL i:t) In der von mir a. a. (). S. Hi milLjetcilten thüringischen Fassung der Ariadnesage fehlt die Crsprächsvermittlung durch den Ofen, das ist dnrin begründet, daß der Ofen in dieser (legend offenbar nicht die gleiche Ptedculung im Vorstellungsleben der Menschen hat wie in Niedcrdeutschland. 14) Siehe 1, a u f f e r , Niederdeutsche Volkskunde (Leipzig 1!U7) S. «JH.