Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1928-10-01 · Heft 10 (Oktober 1928) · p. Seite 591

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 10 (Oktober 1928)
Article
Amadeo Modigliani
Date
1928-10-01
Page
Seite 591 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2912821-2912879-2912889-2922678--07129-2922767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AMADEO MODIGLIANI 591 dem Italiens kunstschaffende Kraft, von ihren Riesenleistungen in Renaissance und Barock erschöpft, brach clarniederliegt, betritt ein Jude die Walstatt der Kunst. Und während die wenigen rein italienischen Künstler der Gegenwart mit jedem Atemzug der großen Vergangenheit ihres Landes fluchen, weil sie sich von ihr erdrückt fühlen, und -während sie in bilderstürmcndem Kampf sich wild gebärden, ist Modigliani, der Jude, durch und durch modern und dabei von jener alten Kultur bis in die Fingerspitzen durchdrungen. Nie gegen sie stürmlaufend. Sic eher betonend. Dantes Gedichte führt er ständig im Munde und liest als einziges Buch Spinozas Ethik. Bettelarm, obwohl aus reichem Hause. Ewig betrunken, wie wenn er die Last des Dämons, der in ihm haust, nicht unherauseht zu ertragen vermöchte. Dabei von einer Vornehmheit und Eleganz, die selbst borgenden Gastwirten und Kellnern Distanz gebietet. An Türen, Wänden, Papierservietten Meisterwerke malend, die er weiter kaum beachtet, und doch sich seines Wertes voll bewußt. Ein verbummelter Bohcmien unserer Zeit. Aber doch anderen Stils. Gemessen und voll Grazie in jeder Bewegung. So schöivheitserfüllt, das noch letztes Gefasel des Delirierenden formvollendete vSonnette sind. Ein Götterliebling in Lumpen. Die buntscheckige Künstlersch aft des Montparnassc spürte den eigenartigen Adel dieses seltsamen Gesellen. Und als er — kaum 30 jährig — dem Hunger und dem Alkohol erlag, da wurde er. die anonyme Spitalsnummer, mit königlichen Ehren zu Grabe getragen. Zwei Wagen mit Blumenkränzen und eine große Menschenmenge begleiteten ihn aui den Friedhof. W er ihn kannte, einzahlt davon leisen, verwunderten Tones, Wie wenn er einer körpergewordenen Legende Zeuge gewesen wäre. In der Tat. Märchenhaft war die Person dieses Bettlers mit der unsichtbaren Prinzenkrone. Märchenhaft ist auch das Schicksal seines Werkes. Unbeachtet, ja, verlacht war es zeit seines Lebens. Von den wenigsten, und dies nur von Künstlern, ernst genommen, nur von dem unerschütterlichen Glauben eines Freundes, des polnischen Dichters Zborowski, unterstützt — ist Modigliani bald nach seinem Tode berühmt geworden. Heute, nach kaum acht Jahren, ist der Verstorbene wirkende, lebendige Kraft, deren Einfluß sich weit erstreckt. Um Zahlen sprechen zu lassen: zu seinem Lebzeilen wurden Modiglianis Bilder von seinem treuen Freunde um 40—50 fres. flehentlich und oft erfolglos angeboten; heute ist keines unter 50 000 zu haben. Den fabelhaften Umschwung bewirkte vor allem —- der Tod. Der lärmende Krieg nämlich, der als Vorbote des großen Völkergemctzels in der Bepulvik der Künste tobte, übertönte den einsamen Outsider, der Modigliani immer war. Und erst die Stille, die für eine Weile mindestens um Dahingeschiedene zu entstehen pflegt, brachte sein leises, inniges Lied zu Gehör. Und siehe da: es war eine Melodie, nach der gar viele sich sehnten. Jetzt, nach dem mörderischen Kriege, geradezu Ausschau hielten. Denn die erniedrigte Würde des Menschen aufzurichten ist letzter Sinn seiner Kunst. Der Anschauung der Impressionisten entgegen, die den Menschen, als ebensolches Objekt betrachteten, wie jeclers andere Ding — Stein, Baum, oder Zwiebel, — und im Gegensatz zu den Kubisten, seinen mächtigen Zeitgenossen, die jene Degradierung so weit ('ortsetzten, daß sie ihn gar als nichts anderes, denn eine Kombination geometrischer Figuren behandelten — erneuerte Modigliani den Hegrifl' des Menschen als eines Geschöpfes, in dem sich Geist und Körper paaren, ja, dessen Geist sich seinen Körper gebaut zu haben scheint. In einer Zeit, da vorwiegend Landschaften, Stillleben oder verschiedenfarbige Kurven die Leinwand füllten, malte Modigliani nichts als Menschen, und selbst die einzige Landschaft, an der er sich versuchte, ist merkwürdig vermenschlicht: ein verlassenes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.