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Menorah · 1928-10-01 · Heft 10 (Oktober 1928) · p. 590

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 10 (Oktober 1928)
Article
Amadeo Modigliani
Date
1928-10-01
Page
590 (sequence 1)
Language
German
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Amaäeo J^locLigliani Von Anrelic Gottlieb War im Laufe der Geschichte bisher in der Malerei jeweilig ein Volk führend, dessen Kunst dann auch schlechthin als die Kunst jener Epoche betrachtet wird, so hat — seit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts etwa — diese Rolle eine Art Völkerbund inne. Denn einem solchen gleicht wirklich jene „Schule von Paris", die heute iür die gesamte Welt die Hochschule der Malerei bedeutet. In Paris nämlich, der malerischesten aller Städte, trifft zu gegenseitiger Beeinflussung französische Kultur mit der Eigenart der Künstler verschiedener Nationen zusammen. Eine gemeinsame, allgemeinverständliche Sprache, die nun alle, Norweger und Spanier, Russen und Deutsche allerdings mit ganz anderem Akzent sprechen und in der sie sich ihre disparaten Erlebnisse mitteilen, ist erstes Resultat. In ihr bleibt für jeden, der Farben und Linien zu lesen versteht, alles, was unsere Zeit bewegt, aufgehoben. Dank ihr wird es Gemeingut. Unter diesen Künstlern gibt es auch Juden. Erstaunlich viele, wenn man bedenkt, daß es erst die zweite, höchstens dritte Generation ist, seitdem sich Juden schaffend an die Malerei herantrauten. Ein großer Pilgerzug, kommen sie aus aller Herren Ländern und bieten fromm und gläubig ihren Geist den Eindrücken dieses Mekka der Maler, fest hoffend, daß sie hier wo das Licht gleich einem großen Meister jeden grauen Stein in ein malerisches Erlebnis verwandelt und wo Schätze an Tradition nicht nur in Museen schlummern, sondern in Menschen Fleisch und Blut geworden sind, durch intensive Schau rasch nachholen werden, was durch Jahrtausende der Abkehr von allem* Augenleben ihnen entgangen ist. Wie Kinder, unbeschwert durch eigene Sprachgewohnheiten, wie es Juden in plastischen Künsten auch tatsächlich sind, lei nen sie schnell die künstlerische Sprache des Landes beherrschen. Und mehr oder weniger von der Atmosphäre ihrer Heimatländer gezeichnet, vertreten sie am hiesigen Künstlern ölkerbnnde die Nationen ihrer Herkunft. Spricht man z. B. in Paris vom Einschlag Rußlands, so meint man Chagall und Sutin als Maler, die Orioff und Lipschütz als Bildhauer. Polen repräsentiert Kisling, Gottlieb, Mela Muter und Zak. Die bekanntesten Deutschen sind Liebermann, Klee und Pascin, der übrigens kein Deutscher ist und nur über Deutschland nach Paris kam. Tschechischer Abgeordneter ist Kars und seltsamerweise führt selbst Schwedens Delegierter mit Recht den Namen lsak, denn von Isaks Stamme ist er. Oh und w ie weit diese Juden den Geist der Völker, als deren Repräsentanten sie hier gelten, auch wirklich widerspiegeln, bleibe dahingestellt. Tatsache ist es, daß sie Mittler sind, die hüben und drüben Anregungen schaffen und Verbindung stiften zwischen Paris, dem großen Gesicht szentrum des \\ eltgehirnes, und seinen peripherischen Provinzen mit deren besonderer Sensibilität. So weben sie am Kleide der Zeit in noch höhcrem Maße, als es Künstler im allgemeinen tun, und daher die gesteigerte Bedeutung, die dieser Schar zukommt. Aniadeo Modigliani war nun auch solch ein Sendling im hohen Rate zu Paris. Italiens Vertreter war er. Nach Jahrhunderten einer völligen Degeneration wieder einmal ein großer italienischer Künstler. Der einzige Bedeutende, den Italien jetzt aufzuweisenhat und einer der interessantesten der jungen Generation überhaupt. Dieser letzte, spätgeborene Erbe italienischen Ruhmes ist aber Jude, Sohn der alten, ehrwürdigen Gemeinde in Livorno, und zwar der erste jüdisch-italienische Maler, den wir kennen. Denn merkwürdigerweise — erst jetzt, nach-

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