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Menorah · 1928-10-01 · Heft 10 (Oktober 1928) · p. Seite 592

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 10 (Oktober 1928)
Article
Amadeo Modigliani
Date
1928-10-01
Page
Seite 592 (sequence 3)
Language
German
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592 M ENORAH Häuschen mit schmalen. Fenstern, wie die Augen seiner Modelle sind, mitten im Wege, wartend, wie die meisten seiner Gestalten. Als die ganze Welt und mit ihr die Kunst sich hauptsächlich um technische Probleme kümmerte und darauf ausging, neue Mittel sich dienstbar zu machen, da gehörte er zur kleinen Gemeinde derer, die es nicht vergessen, daß Technik zu dienen hat. Die ihre Ausdrucksmittel fanden, weil sie in sich Gehalt besaßen, den es auszudrücken galt. Er war bestimmt kein Erfinder. Benützte das Neue, das er vorfand, und lernte, wo zu lernen war. Einflüsse der Negerplastik und Cezannes sind unverkennbar. Sie liefern ihm jedoch nur das Material zum Bau. Der aber ist seine Gestaltung. Denn, ob er nun in Stein haut, oder mit fast unsichtbaren Strichen zeichnet, die so zart und schamhaft den schmalen Linien der schlanken Körper nachgehen, wie wenn sie Geheimstes zu berühren hätten, oder endlich, ob er in jenen eigenartig leuchtenden Farbklängen malt, die kühn aus nebeneinander gesetzten glühenden und cisigkaltcj? Tönen zusammengeschweißt sind — immer bleibt der Sinn derselbe. Immer formt er Menschen, die empfindsam und feinnervig, eine Welt zu erleben scheinen, und zugleich so gebrechlich und puppenhaft zierlich ausschauen, daß man sie clem Dasein gar nicht gewachsen und allem Leid ausgeliefert wähnt. Doch stimmen diese Bildnisse überfeinerter, ausgesprochen dekadenter Mensehen nie traurig. Sie sind zu geistreich, zu viel Ueberlegenheit steckt in ihnen. Wenn auch die Farbe Ernst einflößt, die Stilisierung der Zeichnung wirkt immer humorvoll und erlöst von aller Erdenschwere. Und die Anmut, in die alles getaucht ist, läßt jede Unruhe verstummen und keine Bangigkeit aufkommen, die sonst angesichts dieser Geschöpfe mit den bloßgelegten Nerven laut geworden wäre. Denn eben durch die übermäßige Feinheit ihrer deformierten Glieder wird dank der Magie von Modiglianis weiser Kunst zusammen mit der Angst um diese Menschen auch der Trost vermittelt, daß sie ihres Körpers vollständig Herr geworden, seiner Gesetze spotten und frei von der Gewalt sind, die sonst Sterbliche bedroht. Willig beugt man sich vor dem Glauben an die Souveränität des Geistes und die Uebervvindungskraft der Form, die aus der ernsten Heiterkeit von Modiglianis Werken spricht. Denn hart am Abgrund des Entsetzens entstanden, in einer Zeit, die aus den Fugen geriet, haben sie selbst sieghaft edles, ruhevolles Gleichmali erreicht. Stark durch ihre Grazie, die nun ihrerseits nichts als sublimierte Stärke ist. Als Humanist neuer Prägung, einer der wenigen, welche die Ehre des Menschen als solchen, als fühlender Seele, und trotz aller Verwandtschaft mit anderen Formen des Seins inmitten entmenschten Geschehens hochhielten, zieht Modigliani in die Geistesgeschichte ein. Nicht der Erste, nicht der Einzige, wohl aber einer der Reinsten, die unsere Zeit gebar.

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