Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Die Geopferten
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 575 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE GEOPFERTEN 575 Jetzt wurde es lauter und voll Herzensangst. Der Vater trat rasch ein. „Ich sterbe", sagte sie ganz schwach nach der Anstrengung, „nimm ein Siderl, Richard, mein Siderl. Du kannst beten, du darfst beten, ich weiß es. Nimm es und bete, ich halt es nicht aus!" Kurt zitterte und wagte nicht zu atmen. Und wie er so ganz still dalag, um jedes Wort zu hören, zur Wand gekehrt, die Decke hochgezogen, die Augen müde vom Weinen — da schlief er ein. Aber nun sah er nur noch deutlicher die entsetzlichen Foltern der Hölle, wie er sie auf den Wandgemälden in Kirchen und auf Abbildungen in den frommen Büchern gesehen hatte. Er sah die Mutter zwischen den glühenden Zangen, auf den flammenden Holzstößen, zwischen Mördern und Ketzern, Türken und Heiden, unter den Krallen der Teufel. Und er fuhr plötzlich aus dem Schlafe auf. Er hörte die Mutter schreien: „Kurt, Kurt!" Er sprang aus dem Bett, sie schrie es wirklich. „Mutter!" Er stürzte hinein. Mit aufgerissenen Augen starrte ihn die Mutter an, wie er so im Hemd zur Tür hereinkam. Aber sie schien ihn nicht zu sehen, sie schrie weiter: „Kurt! — ach, wenn nur er — nicht vergessen!" Dir Atem flog. Ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich, aber es kam nur dann und wann ein Laut, ein Wort, — immer schwächer. Der Vater stand mit einem Buch in der Hand, unbeweglich. Er wußte wohl gar nicht mehr, daß er es hielt. Er hatte den Mund fest zusammengepreßt und große Tränen flössen ihm zum Kinn hinab. Das Weib stand abseits, wirtschaftete mechanisch zwischen Fläschchen und Geschirr umher und wischte sich auch die Wangen. „Wo ist der Pfarrer?" fragte Kurt angstvoll, ganz leise. Niemand schien ihn zu hören. Er faßte den Vater beim Rock: „So hol doch den Pfarrer, Vater, warum holst Du ihn denn nicht? Du kannst doch die Mutter nicht so sterben lassen!" Dem Vater zuckte es sonderbar in dem tränenfeuchten Gesicht und er strich mit unsicherer Hand dem Knaben über Haar und Wangen, ohne ein Wort hervorzubringen. „Aber Vater, den Pfarrer!" rief Kurt jetzt lauter, der nicht betriff, daß der Vater ihn nicht verstand. Da wollte die Mutter den Kopf heben und starrte Kurt an: „Pfarrer?" — sagte sie und ihr Gesicht verzerrte sich. „Richard!" — Sie wollte etwas sagen. Eine furchtbare Aufregung prägte sich in ihrem Gesicht aus, weil sie es nicht herausbrachte. Sie zeigte in verzweifelter Ungeduld auf Kurt und verschiedene Dinge in der Luft.