Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Die Geopferten
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 576 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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576 MENORAH Angstvoll sah der Vater sie an: „Was soll ich?" Der Doktor jenseits des Bettes machte ihm Zeichen. „So hol doch!" Kurt schüttelte den Vater mit beiden Fäusten, „Vater, Vater, so hol ihn doch! Die Mutter will es ja auch, hörst Du es nicht, um Christi willen!" Da atmete die Mutter tief wie erschrocken auf und sank zurück. Der Vater fiel mit einem Schrei über das Bett hin. Der Arzt stand auf. Kurt sah wie suchend um sich. „Ich werde es vor Gott bezeugen", flüsterte er inbrünstig, „sei ruhig, Mutter, ich werde!" Er stand nun in seinem Zimmer. Ganz, ganz stille war es weitum. Er hatte die Tür hinter sich geschlossen. Er klapperte mit den Zähnen. Ihn fror in dem ausgekühlten Zimmer, so im oloßen Hemd, aber er bemerkte es nicht. Wie konnte er es bezeugen? Wann würde er vor Gottes Thron treten? Wer weiß, wie lange er noch leben würde! Und alle diese Zeit sollte die Mutter wie jetzt, wie eben noch, die Marter der Hölle — — er wußte nicht mehr, daß er es geträumt hatte. Es war ihm, als sei er dabei gewesen; er hörte noch, wie die Mutter nach ihm schrie, gellend! Nein, nein, er ließ die Mutter nicht so! Es durfte nicht sein. Aber wie sollte er sterben, jetzt, schnell vor Gottes Thron treten? Wie nur, wie? Da fiel ihm ein, was die Mutter ihm so oft erzählt hatte, wenn er zum offenen Fenster hinaussah, daß ein Kind einmal, das sich zu weit hinausgebeugt hatte, auf die Straße fiel und tot, ganz tot war. Und hastig, als fürchte er, es könnte jemand kommen, ihn zu hindern, lief er mit seinen nackten Füßen über den bloßen Fußboden quer durch das Zimmer zum Fenster. Er mußte noch einmal zurück. Er reichte nicht hinauf, um den Fenstergriff umzudrehen. Als er dann auf den Sessel gestiegen war, wehte ihm plötzlich ein scharfer Windstoß entgegen und peitschte ihm spitze Eiskörnchen ins Gesicht. Er fuhr zurück. Ihm graute vor der Finsternis und Kälte da draußen. Dann aber dachte er an die viel schlimmeren Dinge, die die arme Mutter vielleicht jetzt schon erduldete und wie der Herr Pfarrer immer gesagt hatte: „Die kurze Bitternis des Todes". Und ihm war's, als reiche ihm die Mutter einen Löffel Medizin und sagte: „Es ist ja gleich geschehen". Und er stellte sich auf das Fensterbrett, schloß die Augen und — sprang.