Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Die Geopferten
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 574 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912889-2922671--07100-2922750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
574 MENORAH lauten Reden". Und der Pfarrer hatte ihn zur Antwort nur verlegen angesehen und von etwas anderem zu reden begonnen. Wenn sie jetzt starb, war sie zu allen Höllenqualen der schlimmsten Sünder verdammt unten im Reich des Bösen. Hu! Er hielt den Gedanken nicht aus! Er preßte seine Wangen gegen die harte, kalte Wand, daß sie schmerzten. Nebenan hörte er die Mutter mit entsetzlicher fremder Stimme abgerissene Sätze und halbe Worte hervorstoßen, deren Sinn er meist nicht verstand. Bald schrie und zankte sie. Bald klagte und flehte sie. Der Vater bemühte sich vergebens sie zu trösten und zu beruhigen. Warum vergeudete er mit diesen leeren Reden die Zeit? Jetzt weinte er. Es klang so schrecklich wenn der Vater weinte. Jetzt versprach er — ja, ja, Kurt hörte es ganz deutlich — er versprach, wieder Jude zu werden. Wie konnte er das tun? Um Himmels willen! Warum holte er nicht den Pfarrer? Der konnte so sanft reden. Vielleicht würde er sie doch bekehren! „Ach Gott, es ist ja zu spät!" schrie die Mutter, ,,warum sagst Du es jetzt? — Allmächtiger Gott, wenn ich nur sterben könnte!" Sie begann wieder zu schluchzen und ihre Stimme wurde heiser. Jetzt läutete es. Im Vorzimmer hörte man mehrere Männerstimmen. Diesmal ging sogar der Vater nachsehen. „Herr Professor!" sagte er zu jemandem und auch der Doktor war dabei. Nachdem sie eine Weile im Vorzimmer miteinander gesprochen hatten, gingen sie zusammen ins Schlafzimmer. Aber die Mutter schien sie nicht zu bemerken. Sie stöhnte und schrie weiter und ihre Stimme war nur an den Vater gerichtet. Die Herren redeten auch drin miteinander, fast als wenn sie nicht da wäre. Einmal versuchten sie, sie anzusprechen, erhielten aber keine Antwort. Nur als sie weggingen, schrie sie: „Richard, bleib hier!" Aber der Vater hörte es wohl nicht. Er begleitete gerade die Herren ins Vorzimmer, schloß die Tür hinter sich und sprach sehr erregt mit ihnen, fordernd, drohend beinahe. „Ich bleibe ja hier", sagte der Doktor, „ich werde ihr noch eine Injektion geben". „Nein, lieber Herr", sagte der Professor, „es wäre gewissenlos, Ihnen Hoffnungen zu machen. Sie ist zu schwach, vor allem das Herz!" „Richard, Richard", jammerte inzwischen die Mutter in ihrem Bett, „lauf mir nicht davon! Ich werde Dich nicht mehr quälen! Ich bin schuld, ich geb' es ja zu! Ich habe vielleicht doch nicht alles getan, Dich zurückzuhalten — Richard!"