Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Die Geopferten
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 573 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE GEOPFERTEN 573 Der Arzt war nun schon dreimal am Nachmittag da gewesen, und der Vater hatte, seit Kurt zu Hause war, noch keinen Augenblick das Schlafzimmer verlassen. Am meisten beunruhigte aber den Knaben die Erscheinung der ältlichen Frau, die seit gestern da in der Wohnung umherging. Sie war so ein gewöhnliches Weib wie die Bedienerin beinahe, und doch ging man so zuvorkommend und freundlich mit ihr um, befolgte immer genau und sogleich alle ihre Anordnungen, als wenn sie nun die wichtigste Person im Hause wäre. Was, wenn die Mutter wirklich starb? Eine Kälte durchrann Kurts Körper bei diesem Gedanken und er vergrub seine zitternden Hände unter der Decke: Nun ja, es war doch möglich! Es starben ja so viele Menschen, die noch nicht sehr alt waren. Ein unerträg1licher schmerzhafter Druck legte sich auf sein Herz, daß er nicht atmen konnte. Es war ihm, als käme eine unbekannte schreckliehe Sache von allen Seiten auf ihn zu und er mußte dasitzen und darauf warten. Es war kein dunkles Gefühl ewiger Trennung oder Verlassenheit, daß Kinder in ahnungsvollen Augenblicken solcher Art manchmal erfaßt, nicht die unbestimmte allgemeine Furcht vor dem Tode, denn die kannte er gar nicht. Der Katechet hatte ihm immer so viele schöne und merkwürdige Dinge vom Jenseits erzählt, so vielversprechende phantastische Vergnügungen geschildert, daß ihm der Tod nur wie ein lockender, dunkler kleiner Weg erschien, hinter dem erst das wirkliche, das eigentliche Leben begann. Manchmal wurde er geradezu ungeduldig und wünschte sich schon bald dort zu sein. Er konnte nicht begreifen, warum die Leute immer so die Hände rangen und jammerten, wenn einer ihrer Lieben starb. Sie wußten doch, daß er es nun viel besser haben würde und sie wieder mit ihm vereinigt sein würden, wenn sie einmal starben. Aber seine Mutter war eine Jüdin! Einmal schon hatte er ihr in gesunden Tagen gesagt: „Mutter, Du wirst ja der ewigen Glückseligkeit nicht teilhaftig werden. Ich hätte Angst an Deiner Stelle! Warum läßt Du Dich denn eigentlich nicht auch taufen?" Aber die Mutter hatte ihn damals so furchtbar traurig angesehen, ihn dann plötzlich wild emporgerissen und schluchzend an sich gepreßt und geküßt, daß er nie wieder von diesen Dingen begann. — Die Arme! Sie wollte gewiß gern Christin werden, aber es ging nicht; warum nur nicht? — Lange zerbrach er sich den Kopf darüber und konnte die Ursache nicht erraten. Als er einmal schüchtern den Vater darüber fragte, wurde der sehr böse über seine „vor-