Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Die Geopferten
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 572 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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572 MENORAH Angstvoll wartete er vor der Tür, als er geläutet hatte. Es erschien ihm heute endlos lang, ehe jemand öffnen kam. „Wo ist die Mutter?u fragte er im Eintreten leise. Das Dienstmädchen sah ihn sonderbar an. „Da darf Er jetzt nicht hinein", sagte sie, „komm Er zu mir in die Küche, ich muß ihm etwas erzählen." Und sie ließ ihn nicht los, wie sehr er sich auch sträubte und zog ihn mit sich in die Küche. „Der Storch war hier gewesenerzählte sie mit geheimnisvollem Flüstern und hat die Mama sehr ins Bein gebissen; da darf jetzt kein Kind zu ihr hinein. Aber er hat nur ein totes Büblein gebracht, denk Er mal!" Kurt glaubte dem Gerede des Mädchens nicht. Sie erfand immer so dumme Geschichten, wenn sie ihn beschwichtigen wollte. Er wußte, daß die Mutter sehr krank war, aber er machte sich über Ursache und Wesen der Krankheit weiter keine Gedanken. Ihn beherrschte nur die Furcht, daß sie sterben könnte. Mit einer grausamen Reihe deutlicher Vorstellungen verfolgte ihn diese Furcht und hielt alle seine Empfindungen in ratloser Spannung eingezwängt. Man hatte der Mutter anfangs verheimlichen wollen, daß das Kind tot war, aber es ging nicht, weil sie es zu sehr vorausgeahnt hatte. Sie wollte es sehen. Sie drohte aus dem Bett zu springen und es sich zu holen. Eine wilde, wie wahnsinnige Erregung bemächtigte sich ihrer bei dem Anblick. Sie sah es für eine Strafe Gottes an. Sie fluchte sich, ihrem Mann und Gott und ließ sich durch nichts trösten. Sie hörte nicht, was man zu ihr sagte. Sie hielt die Lippen fest geschlossen, als man ihr Beruhigungsmittel geben wollte und wehrte sich verzweifelt, als man ihr gewaltsam eine Injektion beibrachte. Der Arzt begriff nicht, woher sie die Kraft nahm und sah voraus, daß hier sein Können nicht viel nützen würde. Das Fieber kam und stieg und war nicht zu vertreiben. In der wachsenden Aufregung der folgenden Stunden hatte auch das Mädchen alle Hände voll zu tun. Niemand beachtete Kurt. Man vergaß völlig, daß er da war und all die behutsame Hast im Kommen und Gehen erhöhte nur die Verwirrung und scheue Angst in seinem Gemüt. Noch ehe es Schlafenszeit war, schlich er in sein Zimmer, kleidete sich aus und kauerte sich ins Bett, wo er jedes Wort und jedes Geräusch aus dem Schlafzimmer der Eltern nebenan hören konnte.