Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Die Geopferten
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 571 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE GEOPFERTEN 571 „In den Himmel doch, mein Kind!" „Ja, ja, aber ich meine, wenn man... „Ach, laß doch diese unfreundlichen Bilder", sagte der Katechet stirnrunzelnd, da er bemerkte, daß Kurt wieder nicht die Seite aufgeschlagen hatte, die gerade durchgenommen wurde, sondern jene mit den bunten, grellfarbigen Darstellungen der Hölle. „Was ist das für ein sonderbarer Instinkt in dem Kinde?" dachte der Geistliche beunruhigt und nahm sich vor, den Knaben nächstens wieder mit nach Hause zu nehmen und ihm noch mehr von den schönen Dingen des himmlischen Lebens in den seligen Gefilden zu erzählen und ihm dazu passende Abbildungen zu zeigen, die auch recht bunt und farbig sein sollten. Kurt war an diesem Tage sehr zerstreut und unaufmerksam in der Schule und da dies bei dem ehemals so eifrigen und ehrgeizigen Knaben in letzter Zeit öfters vorkam, glaubte der Lehrer nach mehreren fruchtlosen Verweisen mit einiger Strenge vorgehen zu müssen und wollte ihn für eine Stunde nach dem Unterricht zurückbehalten. Da sei es, wie der Lehrer nachher oft erzählte, schon sehr auffallend gewesen, welche unnatürliche Wirkung die Ankündigung dieser Strafe auf den Knaben geübt hatte und man hätte schon daraus auf ungewöhnliche Vorgänge in dem Gemüt des Knaben schließen können Die Augen groß und angstvoll auf den Lehrer gerichtet, schnellte er vom Sitz, öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut hervor und ein tränenloses Schluchzen schüttelte seinen Körper. Vergebens suchte ihn der Lehrer zu beruhigen und zum Reden zu bewegen. Endlich brachte er stotternd heraus, der Lehrer möge ihm gestatten, die Strafe ein anderes Mal abzubüßen. Seine Mutter sei krank, er wäre gern schon zu Hause. Er sah dabei verwirrt und verlegen drein, Wie sehr tat dem Lehrer später, wenn er an diese Szene zurückdachte, der lange, prüfende Blick leid, mit dem er den Knaben ungläubig betrachtet hatte! Kurt war ein seltsames Kind. Es erfüllte ihn mit Grauen, als er nach hastigem Eilen und Drängen durch die in diesen Tagen vor Weihnachten so belebten Straßen atemlos heim kam und die Treppe schon beleuchtet fand. Nie noch war das gewesen, wenn er nachmittags aus der Schule kam. Er dachte nicht daran, daß vielleicht durch den heftigen Schneefall draußen die Dunkelheit früher hereingebrochen war. Die Gaslichter auf den Treppenabsätzen erschienen im Zwielicht von gespenstischer Feierlichkeit wie die umflorten Straßenlaternen jüngst beim Begräbnis des Bürgermeisters.