Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Der neue Judenfriedhof in Wien
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 556 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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556 MENORAH Stunde eine Aenderung jener Punkte des Wettbewerbes zu bewirken, an denen unsere modernen Künstler Anstoß nahmen, und ich habe einen prominenten jüdischen Künstler namhaft gemacht, der bereit war, auf seinen Mitbewerb zu verzichten und in die Jury einzutreten, damit das Gleichgewicht von rechts und links wenigstens einigermaßen erreicht werde. Alles vergebens. Die Herren sind auf ihren Paragraphen bestanden und sie sind unter sich geblieben. Jetzt sind die Folgen da. Von den 92 jüdischen Architekten Wiens, die eingeladen w7aren, haben nur 15, das ist nicht einmal ein Sechstel, mitgetan. Keiner von jenen modernen Künstlern, die in der ersten Reihe der Wiener Baukunst stehen, ist dabei gewesen. Im Falle ihrer Teilnahme wäre das Problem des jüdischen Friedhofes neu gelöst, jedenfalls vorwärts gebracht, Mustergültiges oder wenigstens geistig Bewegtes und Erlebtes geschaffen worden, das wieder Bewegung und Erleben erzeigt hätte. Die jüdische Gemeinde von Wien hätte ihre Pf Licht vor der jüdischen Welt erfüllt: sie hätte das ihre getan für die Entwicklung der jüdischen Baukunst. Nun ist es anders gekommen. Die Gelegenheit ist wieder einmal versäumt. Wie seit hundert Jahren, ist die Wiener Gemeinde im Gange der Kunst nicht voran, sondern hinterher. Mit einem imposanten Aufwand von Geld, Arbeit und Pietät ist das Mittelmäßige zustande gebracht worden. Das Bauwerk. Der mit dem ersten Preis gekrönte Entwurf ist nun tatsächlich auch verwirklicht. Unsere Bilder zeigen das Bauwerk: den Arkadenhof, das Kuppelhaus und das Innere der Zeremonienhalle. Den unlängst veröffentlichten Anmerkungen über die Anlage habe ich hier nur weniges hinzuzufügen. An der Grenze einer modernen Großstadt gelegen, wirkt sie wie ein befremdlicher Orientalismus. Keineswegs aber jüdisch. Denn weder der Arkadenhof noch das Kuppelhaus haben jüdischen Ursprung oder erhalten hier auch nur ein jüdisches Gepräge. Im Gegenteil. Das wird bei den Arkaden erst völlig klar werden, bis ihre Grüfte belegt sind, — man wird sie dann von klösterlichen Kreuzgängen kaum unterscheiden können. Und die Kuppel ist nur das — besonders in Wien fast — unvermeidliche Wahrzeichen einer unjüdisehen Tradition. Der Baumeister bedient sich dieser halborientalischen Motive in schlichter Weise, das scharfe Gewürfel und das geschlossene Mauerwerk erscheinen beinahe modern, aber da kein