Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Article
- Der neue Judenfriedhof in Wien
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 555 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DER NEUE JUDENFRIEDHOF IN WIEN 555 — wie es scheint — herangezogen wurden, um die Objektivität des Kollegs zu verstärken und seinen Gesichtskreis zu erweitern. Sie alle ehrenhafte und tüchtige Männer. Trotzdem ist die Jury unzulänglich gewesen und bis auf den heutigen Tag unverständlich geblieben. Wien besitzt — und das war den Nächstbeteiligten genau bekannt — eine Anzahl Architekten von internationaler Bedeutung. Man nennt nicht alle, aber man nennt die ersten, wenn man unter den Nichtjuden Josef Hoff mann und Peter Behrens, unter den Juden Oskar Strand und Josef Frank aufzählt. Soll Oesterreich einmal draußen, vor der Welt, künstlerisch vertreten werden, dann fällt einem von ihnen die Vertretung zu. Aber in die Jury des Friedhofes ist keiner von ihnen eingeladen worden. Das war kein Zufall, das war Absicht: Sie erschienen den Veranstaltern unbequem. Aus verschiedenen Gründen. Ein Meister von Rang pflegt einen starken, eigenen Willen zu haben, und läßt sich im entscheidenden Augenblick nicht leicht majorisieren. Er ist der natürliche Feind der Mittelmäßigkeit. Aber das allein war es nicht. Den Ausschlag gab: das alle erwähnten Männer der modernen, lebendigen Richtung angehören, die den Fortschritt der Zeit in sich trägt. Diese Richtung, den Veranstaltern unlieb oder geradezu verhaßt, sollte ausgeschaltet bleiben. Weiß man, was das heißt? Man muß das Folgende ruhig er^ wägen: Ein Friedhof, eine Aufgabe großen Formates, die alle 100 Jahre nur einmal wiederkehrt, soll bereitet werden. Die Künstlerschaft wird vor ein neues Problem gestellt. Denn es ist nicht nur eine große Aufgabe, es ist — in jeder Hinsicht — ein neues Problem. Keiner von allen jüdischen Architekten Wiens hat sich bisher damit befaßt, es muß von grün da uf — grundsätzlich — neu gelöst werden. Von welcher Seite sind da die besten Gedanken zu erwarten, zeitgerecht und doch auch auf eine Zukunft von 100 Jahren voraus bedacht? Ich denke, jeder Unbefangene wird mit mir meinen: selbstredend nicht von den Anhängern des Vergangenen, die das Problem mit „Kunst" verschiedenster Herkunft umgehen, sondern von den Modernen, die es mit dem Mut ihrer inneren Jugend, mit ihrer lebensvollen Einsicht geradewegs angehen. Eben die aber sind planmäßig tausgeschaltet worden. Ich bin nicht der Mann, etwas Derartiges zu behaupten, wenn ich es nicht beweisen kann. Ich habe in der kritischen Zeit die Sachlage geradeso dargestellt wie heute, zuerst intern und dann — in einem Interview mit der „Morgenzeitung" — vor der jüdischen Oeffentlichkeit. Ich habe mich mit allen Mitteln bemüht, noch in letzter