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Menorah · 1928-09-01 · Heft 9 (September 1928) · p. Seite 509

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 9 (September 1928)
Article
Ein Vorurteil
Date
1928-09-01
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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EIN VORURTEIL 509 einem Freudengeschrei aufgerissen. Rahil war in Ohnmacht gefallen, Khemais in großen Zorn geraten, und die Sache hätte schlimm ausgehen können, wären die Jungvermählten nicht verschwunden, um im Hotel zu übernachten. Khemais machte eine Hochzeitsreise. Nach seiner Rückkehr bezog er seine neue Wohnung in der Gasse der Gerber. Das Haus war bequem, aber noch nach der alten Art gebaut. Es hatte eine gedeckte Terrasse und recht schöne Fayencen. Khemais kaufte geschweifte Möbel, einige impressionistische Bilder aus dem „Salon Tunisien" und einen amerikanischen Schreibtisch. Abends, nach getaner Arbeit, ging ich zuweilen zu Khemais, wo ich alte Freunde traf. Wir sprachen über Sozialismus, internationale Politik, rauchten ägyptische Zigaretten und tranken Tee. Den Reden ihres Mannes setzte Frau Madar unbeweglichen und zugleich eigensinnigen Gesichtsausdruck entgegen, der sie für mich unwiderruflich zu einer echten Nakasche stempelte. Kaum hatte sie sich entfernt, als Khemais mir mit gezwungenem Lächeln sagte: „Ein Kind erwartet sie noch nicht. Ich habe es nicht so eilig. Die Juden haben hierin lächerliche Vorurteile, die man bekämpfen muß." So sprach Khemais. Aber seine Laune trübte sich von Monat zu Monat. Die Unfruchtbarkeit seiner Frau begann meinen Freund besorgt zu machen. Es gab Streit. Rahil weinte wieder. Indessen erschienen Nakasches abermals auf dem Schauplatz. Sie sind eine fruchtbare Sippe, in der es damals nur eine einzige kinderlose Frau gab: die Rebekka aus dem Suk El Hut, eine träge Rothaarige, die von allen verachtet wurde. Nakasches drangen also in Khemais' Haus ein, jeder murmelte ein unfehlbares Rezept, bot ein Amulett an oder sprach einen Segenswunsch aus. Rahdl konnte in dem Stadtteil, in dem sie einst gewohnt hatte, keinen Schritt mehr machen, ohne daß sie hinter sich herrufen hörte: „Wann kommt es denn endlich?" oder „Ich wünsche dir einen Jungen!" Selbst ihre kleinen zehnjährigen Kusinen machten es so. Zum Glück wurde Rahil schwanger und die Nakasches stimmten Lobeshymnen an. Mutter Nakasche konnte gar nicht mehr aus der Wohnung in der Gerbergasse heimfinden. So standen die Dinge, als Khemais eiiue unerhörte Forderung stellte. Er sagte klipp und klar: „Wenn es ein Knabe ist, dann wird er nicht beschnitten." Armer Khemais! Ich sehe ihn mit seiner Doktorbrille, seinem geschweiften Rock und einer Aktentasche aus Schweinsleder so deutlich

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