Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Ein Vorurteil
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
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508 MENORAH zunächst die Frau, dann werden Sie später schon Ihren Willen durchsetzen, wenn Sie dann noch danach gelüstet.'* Khemais gab nach. Rahil weinte nicht mehr und die Mutter Nakasche hörte auf zu kreischen. Die Hochzeit fand im großen Saal der Maltesergesellschaften statt und ich wurde dazu eingeladen. Es war ein denkwürdiger Tag und eine historische Minute. Die Anwesenden setzten sich aus zwei streng voneinander unterschiedenen Gruppen zusammen. Einerseits die Nakasches, die der Nationaltracht treu geblieben waren. Sie trugen himmelblaue Röcke, blaue oder weiße Hosen, Scheschias oder Turbane, die Damen aber ihre großen Festkleider. Andererseits die Madars, ihre Verbündeten und die von ihnen Abhängigen. Sie erschienen in Jacketts und Sakkos, drei oder vier mit Klappzylindern, einer mit dem Bande der Ehrenlegion, einige Frauen in Kleidern aus der Galerie Lafayette, eine mit einem Hut aus dem Hause Lewis. Man zeigte sich insgeheim Madame Dario Calo-Madar und die Witwe Madar-Attia, deren Automobile Verkehrshindernisse in der Rue d'Espagne bildeten. Selbst in einer großen Stadt wie Tunis scheinen sich die Juden gleichsam nur vorübergehend niedergelassen zu haben. Ihre Zeremonien sind improvisiert. Sie verhalten sich in einem „Palace" ähnlich wie unter einem Zelt. Eine kleine Estrade war errichtet, und an die Mauer mit Reisnägeln der gestickte Wandbehang geheftet worden, ein Requisit des Kultes. Die Trauung wurde von Mardochäus Bokobza, einem alten Rabbiner, vorgenommen, der all seine Gebete mit peinlichster Genauigkeit näselte. Khemais schien mir nervös und ein wenig blaß. Er ließ sich den Kopf bedecken und gab die gebräuchlichen Antworten. Als aber der Onkel Nakasche in einem hygienischen Eimer das rituelle Gefäß zerbrach, konnte Khemais eine ungeduldige Grimasse nicht unterdrücken. Er warf mir einen kurzen Blick zu, der bedeutete: ,,Auch meine Stunde wird einmal kommen/4 Sie sollte vorläufig auf sich warten lassen. Man reichte ein großes Glas Anislikör, Eis und Kuchen herum, worauf ich dem jungen Paare Glück wünschte und unauffällig entschwand. Am nächsten Tag erfuhr ich, daß die Nakasches all ihre Trümpfe ausgespielt hatten. Khemais und seine Frau waren bis zu ihrem Zimmer geführt worden. Man hatte vor der Tür einen tönernen Wasserbehälter zerbrochen und ihnen gewaltsam einen Spiegel und einen Schlüssel in die Hände gedrückt. Man hatte sie mit einem Barbier eingesperrt, und die ganze Sippe der Nakasche hatte zehn Minuten später die Tür mit