Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Ein Vorurteil
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
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EIN VORURTEIL 507 Die Dinge wurden verwickelter, als man die Zeremonie zu besprechen begann. Ich habe vielleicht vergessen zu erwähnen, daß Khemais während seines Aufenthaltes in Frankreich dem Glauben seiner Väter entschlossen abgeschworen hatte: Nicht ungestraft holt man sich sein Futter aus den Bibliotheken und verkehrt in politischen Kreisen. Khemais hatte es gelernt, alle religiösen Bräuche zu hassen, und er nannte sie „Äffereien". — ,,Ich bin Jude," sagte er. ,,Das ist vielleicht eine Nationalität, aber gewiß keine Religion." Er äußerte noch eine ganze Anzahl ähnlicher Sentenzen, die der Vater Nakasche anhörte, indem er sich mit verlegener Miene über den Bart strich, die aber Frau Nakasche in kreischenden Zorn versetzten. Rahil begann zu weinen. Frau Dinah Nakasche war ungeheuer fromm. In dieser Hinsicht war ihr nichts vorzuwerfen. Sie selbst steckte Freitag abends vor Sonnenuntergang alle Lampen des Hauses an. Nachher aber hätten weder Drohungen noch Versprechen sie dazu veranlaßt, sich mit dem Feuer zu schaden zu machen. Die Lampen gingen Samstag vormittags von selbst aus. Frau Nakasche kauerte auf einem breiten Diwan und rührte keinen Finger. Keine Macht der Welt hätte sie dazu gebracht, auszufahren, weil sie gefürchtet hätte, die Pferde könnten aus dem Pflaster Funken schlagen. Sie grub ihre abgeschnittenen Nägel ein. Sie hatte schon zwei ihrer Söhne verheiratet und überwachte ihre Schwiegertöchter streng. Sie selbst führte sie nach den monatlichen Blutungen ins Bad und gab sie ihren Gatten erst im Zustand völliger Reinheit wieder zurück. Kurz, sie war in ihrer Art und ihrer kleinen Welt eine Heilige. Die Reden Khemais' machten auf die Familie des Kurzwarenhändlers den schlechtesten Eindruck. Dem jungen Renegaten wurde ohne viel Umschweife bekanntgegeben, daß er das Mädchen nur zur Frau bekommen würde, wenn er sich allen Gebräuchen des Kultes und allen Forderungen des Gesetzes unterwürfe. Ich war mit Khemais aufrichtig befreundet. Er gab etwas auf meinen Rat und vertraute mir seine Verlegenheiten an. „Geben Sie nach," sagte ich zu ihm. „Geben Sie nach, Freund. Spielen Sie nicht unnützerweise den Stolzen. Das junge Mädchen gefällt Ihnen, und Sie machen überdies kein schlechtes Geschäft. Ich habe mich wie Sie von jeder Religion losgesagt. Trotzdem hielt ich erst kürzlich «einen meiner Neffen über das Taufbecken, um meine Schwester nicht zu kränken. Die Toleranz ist der höchste Ausdruck der Freiheit. Geben Sie nach: die Zukunft gehört den Friedfertigen. Nehmen Sie