Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Ein Vorurteil
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912888-2922521--06981-2922598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
506 MENORAH Sprachen, Mathematik und sonst noch dies und das zu lernen. Khemais verbrachte sechs Jahre hintereinander in Paris. Er oblag dort glänzenden Studien, knüpfte wertvolle Verbindungen an, verkehrte mit Künstlern und gewann ein praktisches zusammenhängendes Bild der modernen Welt. Nach Tunis zurückgekehrt, trug er Gamaschen mit Gummibügeln, englischen Anzug, eine Hornbrille und unter dem Arm eine Aktentasche aus Schweinsleder. Herr Dario Calo-Madar nahm die Metamorphose seines Schützlings freundlich auf und übertrug ihm mehrere schwierige Geschäfte. Khemais führte sie sehr gut durch. Er schien ein gemachter Mann. Er war damals dreiundzwanzig Jahre alt und wohnte bei seinem Vater in der Avenue Rustan. Der „beste Schneider der Welt" ergraute in Wohlstand. Er hatte die Nadel beiseite gelegt und widmete sich mit Glück kleinen Finanzgeschäften. Er besaß nun eine Wohnung und Möbel aus dem Hause Bismuth. Er trug noch die Scheschia, aber schnitt, um seine Mußestunden auszufüllen, selbst schöne europäische Anzüge für sich zurecht. Khemais verkehrte in der tunesischen Gesellschaft, fand alte Bekannte wieder, begegnete Rahil Nakasche und entschloß sich, sie zu heiraten. Rahil war klein, hübsch und nicht zu dick. Sie erging sich zuweilen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter Nakasche in der Avenue de Paris. Es war ein bemerkenswertes Trio. Die Großmutter Nakasche war ausstaffiert wie alle Frauen ihrer Zeit: mit klappernden Holzpantoffeln, bauschigen Hosen, weißem Schleier mit Seidenfransen. Sie trug den hohen spitzen Hennin. Frau Dinah Nakasche war ganz ähnlich herausgeputzt, aber sie hatte doch den Hennin abgelegt und verbarg ihr noch schwarzes Haar unter einem apfelgelben Atlastuch. Rahil jedoch kam geradeswegs aus dem ,,Magasin general": enger Rock, hohe Stockei, breitrandiger Hut mit Federn. Khemais empfand eine so heftige Leidenschaft für das junge Mädchen, daß er es dem Vater Madar überließ, die materiellen Fragen zu ordnen und in einem Entzückungsanfall einem Rabatt von fünftausend Franken auf Rahils Mitgift zustimmte. Die Nakasches verdankten dem Kurzwarenhandel einen gesicherten Wohlstand. Sie besaßen in der Rue Sidi Kadus einen Laden von unscheinbarem Äußern, der jedoch in mehreren Städten der Regentschaft Filialen und einen großen Kundenkreis halte. Alles ging gut, solange es sich nur um Geldfragen handelte. Die Alten ließen sich Zeit, feilschten und gebrauchten KnifTe. Khemais machte dem jungen Mädchen den Hof.