Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Ein Vorurteil
- Date
- 1928-09-01
- Page
- 505 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Georges Duhamel / Em Vorurteil Meine Freundschaft zu Khemais Madar geht bis auf den Beginn dieses Jahrhunderts zurück. Damals war Madar nichts als einer der vielen Straßenjungen im Judenviertel, das wir hier die Hara nennen. Er hatte Triefaugen, eine Rotznase, krauses Haar — soviel über seine Person. Im linken Ohr trug er einen schmalen vergoldeten Messingring, den ihm seine Großmutter Madar geschenkt hatte. Und als höchsten Talisman gegen den bösen Blick hing ihm ein kleines Horn an einem Faden am Halse. Er war barfuß, in Lumpen gekleidet und spielte mit seinen Brüdern und Vettern zwischen den Ruinen, die in diesem Winkelwerk nicht selten sind. Zu jener Zeit war die Familie arm. Der Vater war aus Dscherba gekommen und trug noch das Hemd über den kurzen Hosen, Er war Schneiderlehrling und besaß als ganzes Vermögen ein Dutzend Nadeln und einen silbernen Fingerhut. Er hatte alsbald eine Bublil geheiratet, die ebenso arm war wie er selbst und ihm rasch hintereinander fünf Kinder schenkte. Lange hatte die Familie Madar eine elende Wohnung in der Straße el Meslekh innegehabt, einen einzigen Raum für fünf Familien, eine Art Keller ohne Fenster, der wie ein Stall durch halbhohe Wände in fünf Verschläge geteilt war. Der Typhus räucherte diesen Pfuhl grausam aus. Nach diesem Sturm war Madar Witwer und es blieben ihm bloß zwei blutleere Kinder, darunter Khemais. Trotzdem wurde Khemais groß. Nessim Madar heiratete bald wieder, bekam neue Kinder und bezog eine Wohnung nahe dem Platze Bab Carthagina. Er ließ über dem Laden ein Schild mit den stolzen Worten: „Zum besten Schneider der Welt" anbringen. Er hatte Erfolg, verdiente einiges Geld und gewährte den Italienern in der Rue de 1'A.lfa kleine Darlehen. Indessen gab Khemais manche Probe seines durchdringenden Verstandes. Frühzeitig trat er in die Dienste seiner Onkel, der Madar des Suk el Grana (Wollwaren und Baumwollstoffe), ging zu den Madars der Rue de l'Espagne über (Seide und Spitzen), wo seine Lehrzeit ziemlich kurz war. Mit sechzehn Jahren war er Expeditionär bei den Calo-Madar der Avenue Jules Ferry. Dort lenkte er die Aufmerksamkeit auf sich. Im Einvernehmen mit dem „besten Schneider der Welt" beschloß Herr Dario Calo-Madar, der eine ganze Elite von Maklern beschäftigte, daß Khemais in eine Schule nach Paris kommen solle, um dort moderne