Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Also ein Jubiläum
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 492 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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492 MENORAH ebener Erde, auf einem Hof. Irgend jemand hatte sie einmal gestiftet und aus seinem Erbe wurde sie unterhalten. Ich glaube, sie hatte kaum Fenster, immer brannten Kerzen. Und wenn ich an sie denke, habe ich Rembrandt vor mir, Halblicht, verdämmernd, braunes Holz, Gebetmäntel, Gold- und Silberflirren von der Thora. Und wenn ich an Rembrandt denke, so denke ich auch an jenen armseligen Beiraum aus meiner frühesten Jugend in der Spandauerstraße. Bebartete Männer, wie man sie heute nicht mehr sieht, feierlich streng und etwas unheimlich für mich, stehen in Gebetmänteln und wiegen sich rhythmisch. Und ein paar ganz kleine, armselige und verwachsene Menschen sind dazwischen, und noch weiter ab, dämmriger, hinter Hoizgittern verschwimmen Frauengesichter. Sehr eng alles. Braune, abgebrauchte Bänke. Verrußt und verräuchert die Wände. Und doch alles irgendwie ehrfürchtig und von einem mir ganz märchenhaften Alter. Ohne Zweifel sehr seltsam und aufregend. „Na, fastet das Jüngeichen denn auch?" sagte ein alter Mann mit einer Pilznase und legte mir die Hand auf den Kopf. „Natürlich", sagte der Vater überlaut und blinzelte in die Kerzen. Und da begannen die Männer etwas halb zu singen, halb zu sprechen, was sich dumpf und schön und melodiös anhörte, aber sicher niemand verstand. Und wenn dann einer allein sprach und die anderen schwiegen, dann dauerte es nur kurze Zeit, und die anderen fielen ein und entgegneten ihm. So als ob wir spielten: ,,Ist die schwarze Köchin da?" und die anderen dann antworten müssen. Aber irgend etwas schwirrte dabei doch durch den Raum: finster, trotzig und feierlich und erregend zugleich. Etwas, das der Einfachheit, dem alten braunen Holz, den bebordeten Seidenmänteln, dem Dämmer der Kerzen, dem Halblicht wundersam sich anschmiegte, wie eine Begleitung in leisen Orgeltönen. Eine Weile sicher war das ganz hübsch. Aber es würde die ganze Nacht so weitergehen. Und man würde dabei langsam, aber schrecklich, verhungern müssen. Und es schien gar keine Möglichkeit, biebei zu den Knüppeln, dem Schusterjungen, den Pflaumen und den Eicheln zu gelangen. Die Eicheln würde ich zuletzt essen, nur in höchster Not. Aber plötzlich brandete ein ganz zorniges Gemurmel auf. Und alles warf sich zwischen den Bänken auf die Erde. Beugte sich tief herab, kniete nieder, zog die Seidentücher über den Kopf — (es war doch so, aber ich habe es nie wieder gesehen) und ich kauerte mich auch nieder und brach schnell in der Manteltasche eine Pflaume auf. Und ein paar Eicheln fielen dabei heraus und kullerten und hüpften