Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Also ein Jubiläum
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 491 (sequence 5)
- Language
- German
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ALSO EIN JUBILÄUM 491 Kalbskeule und Kompott und Gurkensalat. Und ich würde heute nacht verhungern. Elend zugrunde gehen. Eingesperrt sein. Morgen früh, wenn es zu spät wäre, würde sich meine ganze Familie über meine armselige, langsam erkaltende Leiche werfen und weinen. Und das wäre ihre gerechte Strafe für die Grausamkeit ihrer harten Herzen, mich dem Hungertode auszusetzen. Doch bis so fünf Kinder angezogen sind, dauert es eine Weile. Da ist zum Beispiel die eine Mütze nicht zu finden. „Und meinst du etwa, daß du mit solchen Händen weggehen kannst?! Du hast wohl Kohlen geschippt?!! Also marsch, schnell nochmal waschen, — wir warten." Ich aber stand da mit meinem neuen Mäntelchen, schön und sauber wie Adonis (die Hände hatte ich jedenfalls zur Vorsicht in die Tasche gesteckt), und als die allgemeine Verwirrung ihren Gipfelpunkt erreicht hatte, ging ich ruhig wieder in das Berliner Zimmer zurück — die Tafel lag weit und verwüstet — und steckte mir zwei Knüppel und einen Salzkuchen, genannt Schusterjunge, in die eine Manteltasche und drei Hände voll Pflaumen in die andere. Wenn sie meinten, daß ich so leicht und kampflos mein Leben hergäbe, irrten sie sich. Und ehe noch die Schottenmütze meiner Schwester liose gefunden war (im Schirmständer), da war ich längst wieder zurück. Der Weg war weit, sehr weit, aber schön. Von der Bendlerstraße bis zur Spandauerstraße. Gerade über dem Rathaus war die Schule. Heute steht da längst ein Warenhaus. Und so hat sich an jener Stelle das oraet labora bewahrheitet. Es ist dort viel gebetet und dann gearbeitet worden. Man denke, man mußte ja erst vorn am Tiergarten entlang, unter dem Grün hin, während es hinten im Dickicht schon unheimlich verdämmerte, und man konnte sogar noch — wenn man dann auch immer wieder hinterherlaufen mußte, dabei Eicheln sammeln. Eicheln konnte man auch essen in der Not. Stand nicht im Märchen, daß sie sich von Beeren und bitteren Eicheln nährten? Dann aber ging es so im letzten rötlichen Schein dahin, die Linden herunter. Vornweg der Vater mit dem Zylinder und einem Buche in der Hand und neben ihm die kleine, dicke, muntere Dame, die wiederum energisch um den Schwärm der Fünf, die weit weniger manierlich, aber auch mit Büchern hinter ihr hertrieben, sich verdient gemacht hatte. Sozusagen an ihrer Existenz nicht unbeteiligt geblieben war. Ja, eigentlich waren es sogar sieben gewesen. Aber niemand hätte es ihr angemerkt, wie sie munter und frisch neben ihrem Mann einherstapfte. Die Schul' war ganz klein und eng, ein paar Hinterzimmer zu