Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
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472 MENORAH „Richter" die Finger gebrochen und die Hände ausgerenkt wurden. Man schlug sie stundenlang auf die Fußsohlen, um ihnen eine Zeugenaussage zu erpressen. Das war eine Epoche bitteren und unmenschlichen Terrors. Und dann hörte man plötzlich am 2. November 1917 den ersten Kanonenschuß von Allenbys Orlensive auf der Gazafront, und einige Wochen darauf wurde der ganze Negew und ganz Judäa, von Jerusalem bis Petach-Tikwah und Jaffa, befreit. Und der Jischuw erfuhr, daß am selben 2. November die Welt noch einen zweiten Kanonenschuß vernommen hatte, der gegen die alle Galuthfestung gerichtet war — die Balfour-Deklaration; und daß die „jüdische Armee'1, über die so lange Zeit unklare Berichte in Umlauf waren, schon unterwegs war, um Samaria und Galiläa und das andere Ufer des Jordan zu erobern... Die Sonne der Erlösung war aufgegangen! Ihr, die ihr in großen Städten lebet, ihr könnt euch nur schwer vorstellen, welchen Eindruck das auf den Jischuw machte. Im ganzen waren es vielleicht gegen 50.000 Seelen. Wenn ein großer Zeitgeist plötzlich über eine kleine Gemeinde zu schweben beginnt, erblickt man wunderbare Erscheinungen. Ich weiß nicht, ob es in der Weltgeschichte noch ein Beispiel gibt, wo ein so altes Altertum, solche prächtige Erinnerungen, eine solche Tiefe von Not und Elend und ein solcher Schwung von Hoffnungen in einem schier unglaublichen Maße ineinander verstrickt wurde. Vielleicht gab es das noch ein zweites Mal, vor etwa hundert Jahren, zur Zeit der Befreiung Griechenlands; und vielleicht auch damals nicht. Das war eine fröhliche, aufwühlende Brautzeit bei dem winzigen Jischuw. Und immerhin war er klein, der Jischuw, wo jeder den anderen kannte und jedes kleinste Geschehnis zum Ereignis anwuchs. Die Frage der Einquartierung der zehn Mitglieder des Waad-Hazirim nahm die ganze „oberste Schichte" von Jerusalem und Tel-Aviv in Anspruch. Aus Ekron, Artuf und Chederah, meilenweit kamen Leute, sich das Automobil des „Waad Hazirim" anzusehen. Und dann kam die erste „Hadassah": Dr. Rubinow mit dreißig Ärzten und Krankenschwestern mit Heilmitteln, mit einem Train von Automobilen und dem ganzen Zauber Amerikas; Hilfe und Freude für heute und Zusage von „Millionen und Milliarden" zum Aufbau des Landes für die Zukunft. Auch in anderer Beziehung neigten sie zu Übertreibungen: witterten „Gefahr" in jedem Schatten — just nicht dort, wo die wirkliche Gefahr lag. Jüdische Mädchen gehen mit australischen Soldaten spazieren: die Moral ist in Gefahr. Arme Leute haben Teebuden eröffnet