Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Die zwei Letzten
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 461 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE ZWEI LETZTEN 461 Auf dem Friedhof stellte sich der Bezirksarzt aus der Stadt zur Totenbeschau ein. Der Angestellte der Leichenbestattungsanstall übergab dem Arzt die Dokumente, der Arzt sah sie ilüchtig an und befahl den Sargdeckel abzunehmen. Der Angestellte beseitigte mit Hilfe des Stemmeisens den Deckel und unter diesem erschien im Sarg ein Melallsarg, der über dem Kopf der Leiche mit einem Glasfensterehen versehen war. Die Sonnenstrahlen beleuchteten hell das wachsgelbe tote Gesicht mit den geschlossenen Lidern, das von einem schwarzen, angegrauten Vollbart umrahmt war. Dieses Gesicht streifte der Arzt mit einem gleichgültigen Blick; der Totengräber betrachtete es aufmerksam und beugte sich lief über den Sarg nieder. Plötzlich entrang sich seinem Mund ein Schrei des Entsetzens; er wankte und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufgefangen hätte. ,,Sie werden sich doch nicht vor dem Toten fürchten; wieviel solcher Verstorbener haben Sie schon gesehen und begraben?" Der Totengräber kam zu sich, nur seine Augen drückten stummes Entsetzen aus. Er sprach mit heiserer Stimme: ,,Es ist nichts... der Kopf hat sich mir nur gedreht/' ..Schließen Sie den Sarg", befahl der Arzt dem Angestellten. Der Totengräber sah noch mit einem langen Blick in das tote Gesicht, das zum letztenmal von Sonnenstrahlen beleuchtet wurde; dann verschwand es für immer unter dem Sargdeckel. Das schwarze Bahrtuch verhüllte wieder den Sarg. Der Schames kam mit dem Gebetbuch in der Hand, es kamen einige Neugierige aus dem Dorf und ein Wagen hielt vor dem Friedhoftstor. Den Friedhof betrat eine große, schlanke Frau in schwarzen Kleidern, das Gesicht von einem schwarzen Schleier verhüllt. Sie führte ein schwarzgekleidetes, etwa zehnjähriges Mädchen an der Hand, zwei größere Knaben folgten ihr. Der Totengräber und der Angestellte 1 rügen den Sarg zum Grab. Hinter dem Sarg schritt der Schames und betete laut, ihm folgte die Frau mit den Kindern. Man legte den Sarg auf die Gurten und ließ ihn ins Grab hinab. Zu Füßen des Grabes stand der Totengräber, hinler ihm die Frau und die Kinder. Zu seinen Häupten hatte sich der Schames aufgestellt. Die Frau weinte leise, die Kinder jammerten laut. Mit weit vernehmbarer Stimme betete der Schames das hebräische Gebet. Mitten im Gebet heftete er einen fragenden Blick auf die weinende Frau und fragte leise: ,.Wie hat der Tote jüdisch geheißen?4' Die Frau schüttelte verwirrt und erstaunt den Kopf.