Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Die zwei Letzten
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 460 (sequence 6)
- Language
- German
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460 MENORAH ,,Enkel?" erwiderte der Totengräber voll Bitterkeit. „Da ich keinen Sohn habe, so hab' ich auch keine Enkel. Weißt du, was es heißt, einen getauften Sohn und christliche Enkel zu haben? Kann ich die Hände auf ihre Köpfe legen und sie segnen, wie du deine Enkel mit den Worten Jakobs segnest? Jeworechecho, adonaj wejischmerecho? Soll ich sehen, wie sie das Zeichen des Kreuzes machen, soll ich ihre christlichen Gebete anhören? Und könnte ich vor ihnen meine Gebete beten, ohne Angst zu haben, daß sie mich verspotten? Und er, mein Sohn, alles Schöne und Gute hat er in seiner jüdischen Heimat gesehen, Juden, nur Juden haben ihm geholfen, daß er ein Herr werde, und das Ende? Kinder haben und Enkel erleben, kann es etwas Schöneres auf Erden geben? Aber so einen Sohn und solche Enkel?" Nach solchen Gesprächen ging dann der Totengräber wortkarg vorzeitig nach Hause. Und wieder sehnte sich jemand aus der lärmenden Welt nach der letzten Ruhe auf dem Leschaner jüdischen Friedhof. Der Totengräber wurde durch einen Boten aus der Stadt verständigt, ein Grab zu graben, der Schames beim Begräbnis die Zeremonien zu vollführen. Der Totengräber schaufelte mit dem Schames gemeinsam das Gral) aus und am nächsten Morgen brachte ein Leichenwagen, auf dem sich ein Kreuz befand, den Sarg mit der Leiche auf den Friedhof. Man stellte ihn auf die Tragbahre in die Nähe des frischgeschaufeiten Grabes. Den Sarg bedeckte der Totengräber mit dem schwarzen Bahrtuch. Das Begräbnis sollte vormittags stattfinden, sobald sich die Familie des Verstorbenen einfinden werde. Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Der Rasen auf den Gräbern leuchtete schon im frischen Grün und die Friedhofsbäume standen in voller Blüte. Der Angestellte der Leichenbestattungsanstalt, der den Sarg begleitete, erzählte dem Totengräber, daß er die Leiche aus Prag herführe. Der Verstorbene sei ein reicher getaufter Jude gewesen, eine Stunde vor dem Tode sei er zum jüdischen Glauben zurückgekehrt und habe verlangt, auf dem jüdischen Friedhof in Leschan begraben zu werden. Auch den Namen des Verstorbenen teilte der Angestellte dem Totengräber mit. Es war ein dem Totengräber unbekannter, in dieser Gegend nur christlicher Name. Der Totengräber wunderte sich nicht. Auf dem Leschaner Friedhof waren schon mehr Tote begraben, die unter unbekannten, hier christlichen Namen begraben wurden, und erst auf ihrem Grabstein erschien ihr alter — jüdischer Name. „Und so wird es auch mit dem heutigen Toten sein", meinte der Totengräber.