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Menorah · 1928-08-01 · Heft 8 (August 1928) · p. Seite 459

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 8 (August 1928)
Article
Die zwei Letzten
Date
1928-08-01
Page
Seite 459 (sequence 5)
Language
German
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DIE ZWEI LETZTEN 459 Langen Tag verlebt hatten . .. Wie der Tempel kaum alle Zugehörigen der Gemeinde fassen konnte, wie um einen Platz im Bethaus gekämpft wurde und wie man am Abend, nach dem Gottesdienst, beim Schames schmauste. Dort nachtmahlten nach ganztägigem Fasten alle die, die weit nach Hause hatten und die am Morgen vieles vom Hause mitgebracht und beim Schames aufbewahrt hatten. Hühner, Enten, Gänse... lauter gute Sachen. Vor dem Nachtmahl kochte die Schameste Kaffee und jede der Frauen hatte etwas dazu mitgebracht. Es waren Kannen voll Obers, Gugelhupf, Golatschen, Buchten . . . Beim Schames hatte man nach dem Langen Tag die ganze Woche noch zu essen — so viel war übriggeblieben. Im Winter, wenn es dämmerte, kam der Totengräber zum Schames. Der Schames legte im Herd nach, draußen war Frost oder Schneegestöber und in der Stube war's behaglich warm. Der Schames und der Totengräber setzten sich an den Tisch und erzählten. Und sie taten sich gütlich, lobten sich's, wie gemütlich es sei, und der Schames sagte dann: „Die Kinder nehmen es mir übel, daß ich in der Einsamkeit lebe, und meinen, es wäre besser für mich, wenn ich zu einem von ihnen zöge. Es sind brave Kinder, aber ich wäre bei ihnen nicht zu Hause. Zu Hause bin ich nur hier in Leschan, hier in dem Häuschen, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe. Die Kinder sind schon aus anderem Holz, mir war das Dorf die Heimat, für sie ist die Stadt die Heimat, weil sie glauben, dort die größere Brotschnitte zu finden. Um dieser größeren Brotschnitte wegen werden sie morgen nach Prag, Wien, Paris ziehen ... gleichgültig wohin. Sie werden nirgends Wurzel fassen, nirgends zu Hause sein, sie nicht und ihre Kinder nicht... das ist die jüdische Krankheit." Und der Totengräber, der erzählte gewöhnlich: „Diese jüdische Krankheit, das Übersiedeln der Juden aus dem Dorf in der Stadt, hat doch irgend eine Ursache. Früher einmal holte sich der Bauer Rat beim Juden, jetzt muß sich der Jud den Rat beim Bauer holen. Das haben Zeitungen, Schulen, Vereine und Gott weiß was verursacht. Bis diese jüdische Krankheit in die Städte kommt, werden die Juden wieder in die Dörfer ziehen. Dort werden sie sich aber mit derselben Arbeit ernähren wie die übrigen Leute. Auch deine Kinder sind fortgezogen, kommen aber doch manchesmal, um dich zu sehen. Und deine Enkel kennst du alle." „All das könntest du auch haben," pflegte dann der Schames zu sagen, „man hört ja, daß dein Sohn ein großer Herr ist, zwei stramme Buben und ein schönes Töchterchen hat. Du hast also Enkel so wie ich."

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