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Menorah · 1928-08-01 · Heft 8 (August 1928) · p. Seite 458

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 8 (August 1928)
Article
Die zwei Letzten
Date
1928-08-01
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
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458 MENORAH Im Sommer hielt er gemeinsam mit dem Totengräber die Gräber in Ordnung und beide widmeten die gleiche Sorgfalt den neuen Gräbern der Reichen, wie den unbekannten, längst verfallenen Gräbern, zu denen sich niemand mehr meldete. Im Sommer kamen häufig Besuche auf den Friedhof und der alte Totengräber wurde reich beschenkt. Das ganze Jahr hindurch verbrauchte er nicht, was ihm im Sommer geschenkt wurde. Welch seltsame Besuche erschienen im Laufe eines Sommers auf dem Friedhof! Es kamen unbekannte Menschen, aus fernen Ländern und machten auf den jüdischen Gräbern das christliche Zeichen des Kreuzes, beteten christliche Gebete. Das waren nicht jüdische Nachkommen von jüdischen Toten. „So ein Gebet ist Sünde", sagten dann der Schames und der Totengräber. Oder es kamen Leute und beteten an den Gräbern die vorgeschriebenen jüdischen Gebete und der Schames sowie der Totengräber wußten recht gut, daß sie nicht mehr Juden seien. Und sie sagten wieder: ,,So ein Gebet ist Sünde. . Und an den langen Winterabenden sprachen sie immer wieder von solchen Fällen. So verging ihr Leben. Im ganzen Häuschen bei dem Bethaus, in dem einst das Leben seiner sechs Kinder rauschte, bewohnte der Schames das kleinste Stübchen und im Häuschen dicht am Friedhof der Totengräber ein noch kleineres Kämmerlein. Sie kochten selbst und räumten die Stübchen allein auf. Samstag für Samstag, Feiertag für Feiertag zogen sie sich festlich an und gingen in das Bethaus. Der Schames wartete schon immer auf den Totengräber an der Tür, schloß auf und sie gingen gemeinsam hinein. Im Tempel herrschte ewige Dämmerung, die Luft war feucht und modrig. Der Totengräber setzte sich auf seinen Platz in die Bank, in der er schon mehr als fünfzig Jahre saß. Der Schames stellte sich vor den Altar und sprach mit lauter Stimme alle samstägigen oder feiertägigen Gebete. Der Totengräber betete halblaut, antwortete dem Schames nur an den entsprechenden Stellen mit lauter Stimme. Am Langen Tag" beteten sie vom Morgen bis zum Abend im Bethaus. An diesem Tag gab es sogar eine Predigt. Es predigte der Schames dem Totengräber und in der Predigt war alles, was sich der Schames aus den Predigten der einstigen Leschaner Rabbiner gemerkt hatte. Es war jedes Jahr dieselbe Predigt. Und Jahr für Jahr hörte der Totengräber andächtig zu. Am Abend, nach dem Langen Tag, nach ganztägigem Fasten, bewirtete der Schames stets den Totengräber. Er kochte Kaffee, und wärmte die gestern gekochte Henne mit Reis. Nach dem Nachtmahl saßen sie lange beisammen und dachten der Zeiten, wie sie einst den

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