Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Die zwei Letzten
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 457 (sequence 3)
- Language
- German
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DIE ZWEI LETZTEN 457 dem andern verließ sein Dorf und zog in die Stadt. Auch die Töchter und Schwiegersöhne des Schames wurden von ihr befallen und nach einigen Jahren übersiedelten alle in ferne Städte. Jeder anderswohin. Der Schames und die Schamesle trugen den Abschied schwer. Die Besuche an den Samstagen und Feiertagen hörten auf und rings um den Schames und seine Frau verbreitete sich Öde und Leere. Dann starb die Schamesle — sie soll sich aus Bangigkeit nach Kindern und Enkeln zu Tode gegrämt haben — und die Töchter drängten darauf, daß der Schames zu einer von ihnen ziehe. Vergebliche Mühe. Der Schames erklärte, daß er allein wirtschaften werde, so wie der Totengräber allein wirtschafte, dem die Frau schon früher gestorben war. Er wolle das Beihaus nicht verlassen, dem er sein ganzes Leben gedient habt*. Ganz anders gestaltete sich das Schicksal des Totengräbers. Sein einziges Kind, ein Sohn, lebte, war aber für ihn gestorben. Er war ein begabtes Kind gewesen und der Rabbiner, damals war noch ein Rabbiner in Leschan, riet dem Totengräber, den Knaben in die Stadl in die Sehlde zu geben; dort würden schon die reichen Juden für ihn sorgen. Der Totengräber folgte dem Rat und als der Junge die Schule in der Stadt absolviert hatte, kam er nach Prag, um zu studieren. Auch dort nahmen sich reiche Juden seiner an und unterstützten ihn. Mit ihrer Hilfe beendete er seine Studien und wurde Advokat. Er kam in die Kanzlei eines bekannten Prager christlichen Anwaltes, ließ sich taufen, heiratete die Tochter des Advokaten und übernahm dessen Kanzlei. Es verlautete, daß er sogar seinen Namen geändert habe. Aber die Briefe, die er anfangs seinen Eltern schickte, und in denen er seine Heirat mit einer Christin und seine Taufe eingestand, sich entschuldigte, diese Briefe trugen seinen alten jüdischen Namen. Er schickte den Eltern anfangs auch Geld, aber als der Totengräber Briefe und Geld zurückschickte, hörte zwischen Sohn und Eltern jeder Verkehr auf. Diese Ereignisse hatten den Tod seiner Mutter zur Folge und aus dem Totengräber wurde ein verbitterter Einsiedler. Jahre vergingen, der alte Schames und der alte Totengräber behüteten sorgsam die Andenken der seinerzeit berühmten Leschaner jüdischen Gemeinde. Der eine den Tempel, der andere den Friedhof. Außer dem Reinigen des verlassenen Bethauses halte der Schames nichts zu tun und half dem alten Kameraden bei dessen Beruf auf dem Friedhof. Wenn ein Begräbnis vorbereitet wurde, so war er mit dabei, das Grab auszuschaufeln, ließ mit dem Gefährten den Sarg in die Grube hinab und wenn kein Rabbiner ans einem benachbarten Dorf anwesend war, so betete der Schames selbst an dem offenen Grab.