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Menorah · 1928-08-01 · Heft 8 (August 1928) · p. Seite 451

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 8 (August 1928)
Article
Die Judenstadt
Date
1928-08-01
Page
Seite 451 (sequence 5)
Language
German
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DIE JUDENSTADT 451 Ich bin gewiß, daß alle — die Gleichgültigen sowohl wie die Lebhaften — dieses merkwürdige haarscharfe Gefühl für die Grenze ihres Bezirkes hatten, auch wenn sie draußen wohnten oder erst bei später Gelegenheit an einer abgelegenen Stelle, die ihrer Aufmerksamkeit bisher entgangen war, den Erub tatsächlich, nämlich mit ihren Augen, entdeckten. Aber ich bin ebenso gewiß, daß sich die wenigsten die Eigenart dieses Bezirkes, die sie so sicher empfanden, auch klargemacht haben. Und doch war sie überall schon auf den ersten Blick zu erkennen. Die Judenstadt mochte ehemals am Rande des Ortes, im Winkel zwischen dem Markt und dem gräflichen Herrensitz, gelegen sein. Später wuchs auf allen Seiten die Ortschaft über sie hinaus. Aber aucli jetzt bewahrte das Viertel in jeder Hinsicht seinen sonderbaren Charakter. Um es kurz vorweg zu sagen: auch jetzt erschien es wie ein Städtchen inmitten eines großen Dorfes. So wie man das Gebiet betrat, begann der Boden unter den Füßen förmlich zu wanken. Draußen waren die Gassen auf ruhiger Wölbung allmählich angestiegen und dann wieder mit ruhiger Senkung zu Tal gefallen. Hier drinnen aber war es unruhvoll. Die höheren Gassen stürzten ab, es gab stellenweise steile Hänge, die man umgehen mußte, um aus einer Gasse in die andere, ja auch nur um von einem Haus zu seinem Gegenüber zu gelangen, große ungleiche Bachsteine bildeten das Pflaster, das von dem heftig abfließenden Regenwasser ausgewaschen und in der Mitte von tiefen Rinnsalen durchfurcht wurde. Vielleicht am bewegtesten aber erschien das Bodenbild auf dem Brunnenplatz. Denn hier gab es ein regelrechtes Getümmel. Auf dem mäßigen Feld mündeten sechs Gassen: die eine kam gemächlich aus der Stadt herein, die nächste sprang einen kleinen Hügel herunter und nahm eine dritte mit sich, die ihr im Winkel von der Mauer des herrschaftlichen Parkes zulief, eine vierte kam von den hochliegenden ,,Gärten", eine fünfte vom Tempel unten, bis zuletzt die sechste den mutwilligen und vielverzweigten Raum in sich aufnahm und ihn, ihre langgeschweiften Bahn entlang, jenseits des Erub einem dörfischen Außenviertel und endlich der Landschaft zuführte. Ähnliches, wenn auch nicht von gleich heftiger Art, ergab sich auch sonst an den Straßenkreuzungen. Auch hier hatte der Boden die Unruhe des ursprünglichen Geländes bewahrt, so daß man nicht viel Phantasie brauchte, um sich vorzustellen, wie es damit beschaffen war, als hier noch von Bächen durchmessenes Wald- oder Wiesenland vorhanden war. 'Aber auf dem Brunnenplatz hatte das Terrain auch in

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