Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Die Judenstadt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 450 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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450 M EN ORAH Sonne, die Gespräche mieden die Sorgen des Alltags, versuchten, auch was schwer auf den Herzen lag, als Bagatelle zu behandeln und tunlichst schnell zu Lichtpunkten zu kommen — kurz: Männer, Väter, die sich durch Wochen und Monate im Joch ihrer Geschäfte bis zur Erschöpfung gemüht hatten, durch Wochen und Monate niedergedrückt von wirklichen oder nur eingebildeten Kümmernissen, sie hoben jetzt die Stirnen und holten Atem wie richtig leichte Menschen. Und die Judengasse nahm teil an diesem Atemholen, An solchen Tagen erschien auch sie wie eitel Behagen, wie satte, wohlversorgte Bürgerlichkeit. Sonst hielt sie es ja mehr mit dem leichtsinnigen Volk der Hausierer, das nur jeden Freitag heimkam, um den Sabbath bei erlesener Kost mit etlichen trinkbaren Zutaten zu verbringen. Nachdem man gegen Mittag in der Weinstube beisammen gewesen, ging es in kleinen Trupps nach Hause. Nun schien die holprige Gasse für die derb-heiteren Gesellen wie geschaffen. Denn auch sie trieb ja — wovon später noch die Rede sein soll — auf Schritt und Tritt ihren Mutwillen und war alles eher als korrekt oder gar honorig anzusehen. Wenigstens im Augenblick. Dann: wie abenteuerlich schön wirkte sie auf uns Knaben an Purimabenden, wenn auf der Gasse die Maskengruppen in den Lichtschein der ebenerdigen Wohnungen traten und wieder im Dunkel der Schlupfwinkel verschwanden, wie heimlich — trotz aller Ängste heimlich — in Sternen vollen Nächten, wenn wir sie einmal verspätet durcheilten! Die Gassen der Judenstadt waren wie die Stuben in unserem Hause: immer lebten sie mit uns und wir mit ihnen. Und nur so — als ein Mitbeteiligter, Mitverstrickter — kann ich von ihrem letzten Glanz und ihrem kümmerlichen Nachleben berichten. In meinen Tagen waren von der alten Umgürtung der Judenstadt noch zwei Tore oder, genauer gesagt, zwei Torbogen ohne Türverschlüsse erhalten: der eine führte vom Marktplatz, der zweite vom Weg auf den Schloßberg herein. An allen anderen Stellen bezeichneten nur die Drähte des Erub, quer über die weiter reichenden Gassen gespannt, die Grenzen des Viertels. Das waren zwei sehr ungleiche Arten von Abscheidungen. Denn neben den mau er festen Toren erschienen die dünnen Drähte nur wie Symbole. Trotzdem fühlte jeder, der unter ihnen durchschritt, auch hier das Nämliche: er trat in eine andere Welt, eine Welt für sich. Man kam von draußen und war jetzt drinnen.