Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Die Judenstadt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 448 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912887-2922384--06881-2922455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
448 MENORAH noch mehr war schäumend volles Lehen, das auch im Umkreis —- mit Ah wehr oder Zustimmung — nur wieder Lehen erregt hat, so daß sich die Judengasse — zum Unterschied von ihrem gleichgültigen Heute — in einer fortwährenden interessanten Spannung befand. Das mag zum Teil auf das Konto jener zahlreichen Käuze zu setzen sein, die mit ihren skurrilen Manieren schon uns Knaben besonders aufgefallen waren und die auch nachher noch in den Erzählungen der älteren Leute die erste Rolle spielten. Denn daß einer karierte Hosen und einen hohen hellgrauen Zylinder getragen hat, notabene in einer ländlichen Kleinstadt, die es sonst nicht gerade mit der neuesten Mode hielt, oder daß ein anderer die Gewohnheit halte, die Neuigkeiten des Well gesell eben s aus den jahrealten Zeitungen zu beziehen, die in seinem Laden als Dütenpapier aufgeschichtet lagen, derlei wirkte schon auf die Zeitgenossen besonders lebhaft und nun gar erst auf die Nachwelt, die ja das Unauffällige leicht vergißt und meist nur die Anekdote zurückbehält. Trotzdem meine ich, es wäre verfehlt, die tiefere Ursache jener Bewegtheit im jüdischen Kreise bei den lächerlichen Gestalten und Vorgängen zu suchen. Gewiß, man war damals fröhlicher als heute, wo es Mühe kostet, den grundlos Übellaunigen auszuweichen, die — wenn sie selbst keine Sorgen haben — den Verdruß der anderen herumtragen, um mit diesem erborgten Verdruß möglichst viele Nebenmenschen verdrießlich zu machen. Nein, auch die Ernsten hatten damals offenen Sinn für einen starken und saftigen Humor. Aber die Lebendigkeit der Zeit beruhte nicht auf ihrer guten Laune, sondern auf ihrem immer gegenwärtigen Temperament, das sich bei geringen und wichtigen Anlässen gleicherweise eingesetzt hat. Da war es fast einerlei, ob einer hinter dem Ladentisch dem bäuerlichen Kunden das bunte Kopftuch für ein paar Kreuzer förmlich aufredete oder ob er den Marktfahrern dieselbe Ware kistenweise auf Borg, mit allerhand heiklen Kautelen verhandelte. Beides geschah mit gleichem Eifer, beide Male war der Mann vom Kopf bis zu den Zehen bei der Sache. Und wenn er etwa Sonntags im Ka(Teehaus ein Spielchen machte — und ging es auch nur um die kleinsten Beträge, so daß der Verlust nicht zu spüren war — man war trotzdem in fieberhafter Spannung, jeden Augenblick schien ein frühzeitiger Abbruch, nicht ohne Schimpferei, möglich. Da hielten es die fahrenden Händler geradeso wie die ansässigen und begüterten Kaufleute, und mochten auch die einen nach ihrer unbeherrschten Art leichter losbrechen, die anderen loderten unter ihrer honetten Maske nicht weniger heftig. Das nämliche Wesen zeigten sie dann auch in den Angelegenheiten des