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Menorah · 1928-08-01 · Heft 8 (August 1928) · p. 447

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 8 (August 1928)
Article
Die Judenstadt
Date
1928-08-01
Page
447 (sequence 1)
Language
German
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DIE JUDENSTADT J^lenschen^ Häuser und Gassen it den böhmischen Judenstädten auf dem Lande ist es schnell bergab gegangen. Da ist die Stadt meiner Kindheit. Freilich, als wir dort zur Schule gingen, war ihre Blüte als ein Mittelpunkt des Glaubens und der Gelehrsamkeit schon eine gute Zeit vorüber. Wir erhaschten gerade noch das Ende. Aber wie lebensvoll erschien sie uns damals, wie stark und farbig wirkt auch heute noch die Erinnerung! Da waren fürs erste die Menschen. Es gab mindestens doppelt so viel als heutzutage; denn seither sind die Alten gestorben und die Jungen meist in die Großstadt verzogen. Das hat wahrscheinlich seine guten wirtschaftlichen Gründe. Ich denke mir: die Landstadt hat heute, nachdem die Verkehrsmittel die Beweglichkeit des Bauern gefördert haben, nicht mehr dieselbe Bedeutung für die umliegenden Siedlungen wie ehedem. Man hört überall die gleiche Klage: „Das Geschäft ist zurückgegangen." Und dieser Rückgang betrifft vor allem die handeltreibenden Juden. Auch sind gewisse Unternehmungen, mit denen sie sich besonders befaßt haben, mittlerweile erlahmt oder anders organisiert. Wenigstens fällt es jedermann auf, daß auf den Wochenmärkten im Herbst die vielen Getreidesäcke, die früher auf dem oberen Platz zum Kaufe angeboten wurden, ausbleiben, und daß die Schnapsbrenner sich um Angelegenheiten der Gemeinde kümmern, wie Leute, die mit einemmal viel freie Zeit bekommen haben. Aber schließlich verstehe ich von solchen Dingen wenig. Die Ursachen der materiellen Veränderung mögen anderswo liegen. An dem Ergebnis läßt sich nicht zweifeln: die Judenstadt stirbt aus, ihr stattlichster Teil ist der Friedhof worden. Und ihr lebendigster. Auch wenn ich heute in der Stadt einkehre, unter Menschen gleichen Alters, die mir schon wegen der gemeinsam verbrachten Jahre lebensnah erscheinen müßten, lebendiger stehen dann die Toten auf. Denn — und auch das kennzeichnet, vielleicht noch wesentlicher als die verringerte Anzahl ihrer Bewohner, den Niedergang der Judenstadt — ihre Menschen sind farblos geworden, normaler Durchschnitt, arbeitsam, anständig, und sehr, sehr langweilig. Damals aber! Ach, diese Fülle origineller Figuren, sie ist auch heute noch — und nicht nur für mich — eine wahre Lust der Erinnerung. Ihre Art sich zu kleiden und sich zu geben, ihr Gang und ihre Redeweise, ihre lustigen Streiche und Aussprüche, das alles und

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