Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Renaissancemenschen und Juden
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 433 (sequence 11)
- Language
- German
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REN AISS ANGEMENSCHEN UND JUDEN 433 Einzig Reuchlins Gutachten behandelt die Frage wissenschaftlich. Er ist für Erhaltung des Talmuds, weil auch für Christen in diesem Buche viel Gutes und Lehrreiches steht, weil sich Beweise für die Messianität Jesu aus ihm erbringen lassen und weil vom Standpunkte des Rechts die Kirche nicht befugt sei, die Juden in ihrer Religion, über deren Ausübung sie sich im Talmud Rat holen, zu beschränken. Die Juden seien keine Ketzer, sondern Mitbürger des Römischen Reiches, die den Schutz der allgemeinen Gesetze genießen müßten. Dieses für die Juden so glänzende Gutachten sucht nun Pfefferkorn in seinem „Handspiegel'4 dadurch abzuschwächen, daß er ihn für einen durch Juden bestochenen Ignoranten erklärt. Reuchlins Antwort: „Augenspiegel", eine von Juden viel gekaufte Schrift, enthält neben den tatsächlichen Berichtigungen auch die schöne Mahnung, daß Christen und Juden einander lieben sollen. Inzwischen predigt der lügnerische Renegat in Frankfurt und hetzt die Dominikaner zu immer erneuten Angriffen gegen Reuchlin. Dieser fand einen Bundesgenossen in Franz von Sikkingen. Als nach einem jahrelangen Prozesse vor dem Papst Reuchlins Streit mit den Dominikanern sich nicht beilegen ließ, bedrohte Franz von Sikkingen Hochstraten mit Fehde, wenn er nicht die großen Kosten der Verhandlung bezahlen würde. Auch Sikkingens Freund, Ulrich von Hutten, stand Reuchlin zur Seite. Er schrieb die Dunkelmännerbrief e, jene köstliche Parodie auf die unwissenden Pfaffen. Sie erschienen anonym, ohne Ortsangabe, mit der kühnen Fiktion, vom Papst freundlich aufgenommen zu sein, in ergötzlichem Deutsch Latein mit absichtlich geschmacklosen Bildern und Wendungen auf jeder Seite, und gaben eine wohlgelungene Selbstcharakteristik der Mönche als Sinnenbolde und Tölpel mit vielen treffenden Hohn- und Spottbemerkungen über Ortuin, Pfefferkorn und sein unzüchtiges Weib. Sie hatten einen durchschlagenden Erfolg. Nur wenige waren so naiv wie jener Prior in Brabant, der seinem Abt eine Anzahl Exemplare kaufte, in der Meinung, die Verherrlichung der Mönche sei ernst gemeint. Erasmus soll bei der Lektüre so gelacht haben, daß er sich dadurch von einem lästigen Halsgeschwür befreite. Inzwischen erlahmte das Interesse an dem Streit über die Judenbücher. Der Reformationskampf erfüllte die Geister. Griff auch Reuchlin in diese Wirren nicht ein, so war seine Tätigkeit doch einer der Hauptfaktoren, welche die Gedankenumwälzung hervorgebracht hatten. Durch die hebräischen Studien kam man in christlichen Kreisen