Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Renaissancemenschen und Juden
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 425 (sequence 3)
- Language
- German
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RENAISSANCEMENSCHEN UND JUDEN 425 insassen ihren Aufenthalt im Gehinom durchaus verdienen. Da ist der in Bauluxus schwelgende Bedrücker und Ausbeuter der Armen, da ist der Heuchler, der nach Synagogenehren lechzt und Geld auf Wucher leiht, da ist der Quacksalber, der auf die Dummheit seiner Mitmenschen spekuliert, da ist der Richter, der der Bestechung zugänglich ist, kurz eine Gesellschaft, die des Ortes und einander wert ist. Daß Sifroni alle biblischen Autoren in den Himmel versetzte, ist bei seiner Denkart selbstverständlich. Als Imanuel bei seiner Reise ins Himmelreich diesem Frommen naht, wissen sie sogleich seinen Besuch zu schätzen; jetzt gebe es Scherz und Frohsinn; die Verfasser der Heiligen Schrift wetteifern, ihn mit Lohn zu überhäufen, und der königliche Harfner David ruft alle Kommentatoren des so dunklen 68. Psalms zusammen und sagt, indem er auf Imanuel weist: „Nur dieser hat mich verstanden." Imanuel war nicht nur in der Bibelauslegung bewandert. Er beherrschte die niaimunisch-aristotelische Philosophie und besaß auch zweifellos gute Kenntnisse in der italienischen Literatur. Dante selbst lernte er am Hofe zu Verona kennen, dessen Treiben Sifroni geistvoll schildert. Die Freundschaft der beiden Dichter setzte sich ein schönes literarisches Denkmal in einem italienischen Sonettenwechsel. Inwieweit die Juden durch Imanuel mit Dantes Schaffen vertraut wurden, ist schwer zu sagen. Sichere Erfolge in seiner kulturgeschichtlichen Vermittler arbeit erzielte Imanuels Vetler Juda Romano, der den Juden die Werke eines Albertus Magnus, eines Thomas von Aquino erschloß und ein hebräisch-italienisches Glossar der philosophischen Schulausdrücke schrieb. Der König Robert von Neapel, Judas Schüler im Hebräischen und in der Philosophie, hat diese Arbeiten ebenso gefördert, wie er auch die Übersetzung anderer arabischer und hebräischer Schriften ins Lateinische unterstützte. Mit dem Interesse für die neubestamentliche Quellensprache, das Griechische, verband sich bei vielen Humanisten auch das Streben, die hebräische Bibel im Urtext lesen zu wollen. Doch war das Verlangen nach gründlicher hebräischer Sprachkenntnis keineswegs aus reinem Wissenschaftsstreben herausgewachsen. Durch getaufte Juden wurde die Ansicht verbreitet, daß die Kabbalaschriften und auch der Talmud Stützpunkte für die Messianität Jesu und das Dreieinigkeitsdogma böten. Man glaubte nun, die Juden durch Beweise aus ihren heiligen Schriften für die Wahrheit der christlichen Lehre gewinnen zu können. So wird verständlich, wenn fromme Rabbiner ein gewisses Mißtrauen gegen Juden, die Christen im Hebräischen unterrichteten.