Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Article
- Renaissancemenschen und Juden
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 424 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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424 MENORAH liehe Blüten, in ihren Kelchen bergen sie aber bei süßem Honig zuweilen einen Tropfen Gift. In seiner Liebe war er glücklicher als sein deutscher Geisteserbe, dem er an Witz und Satire so sehr ähnelt. In der Not des Lebens, die er in ihrer ganzen Herbheit kennenlernen sollte, stand ihm die anmutige Gattin treu zur Seite. Das stattliche Vermögen, das er seiner ausgedehnten und lohnenden ärztlichen Tätigkeit zu verdanken hatte, ging ihm infolge einer mit echtem Dichterleichtsinn geleisteten Bürgschaft verloren, und „gebeugt von der Armut und des Alters doppelter Bürde", mußte er, seinem Freund Dante gleich, als fahrender Sänger sein Leben fristen. Seine Frohlaune blieb ihm treu. Eine Fülle von leichten Scherzen entströmte seiner schreiblustigen Feder. So hält er sich in einer Stunde des Ubermuts selbst seine Leichenrede, in der er mit köstlichem Spott die übertreibende Manier der damaligen Trauerredner, die übrigens nicht nur in der Geschichte fortleben, persifliert. Wenn auch durch seinen Heimgang, so meint er, die Hinterbliebenen das Lachen verlernen würden, so gebe es für sie doch nur eine Quelle der Linderung im herben Schmerze und einen Born des Trostes: seine hinterlassenen Schriften, die den Leser immer von neuem erfreuen werden. In seiner Sammlung Machberoth schildert er — ein jüdischer Boccaccio — Abenteuer aller Art, oft lasziv und frivol, auch darin an Heine erinnernd, so daß man den frommen Rabbinern nicht eben Unrecht geben wird, wenn sie vor der Lektüre dieser Schriften — zu mindestens am Sabbat — warnen. Das Schlußkapitel ,,Hölle und Paradies'4 bietet ein allgemeines literarisches Interesse. Es findet sich darin mancher Anklang an Dantes „Göttliche Komödie". So schimmert der bekannte Vers: „Laßt alle Hoffnungen draußen, die ihr naht", durch den hebräischen Satz hindurch: „Wer eintreten mag, trete ein, herauskommen wird niemand", wenn auch die Form an ein talmudisches Zitat erinnert. Übrigens ist Sifroni duldsamer als sein italienisches Urbild, bei dem alle Nichtkatholiken der Hölle verfallen. Sifroni bleibt der talmudischen Lehre eingedenk, daß „die Frommen aller Völker teilhaben an der ewigen Seligkeit". Nur in einem kann er sich über seine Zeit nicht ganz erheben. Der gute Plato muß in der Hölle leiden, weil er die Wirklichkeit der Gattungsbegriffe behauptet hat. Aus dieser Voraussetzung würde nämlich die ketzerische These von der Urewigkeit der Welt folgen. So nimmt unser Dichter Partei in einem Geistesstreit, der die christlichen Scholastiker in zwei Lager gespalten hatte. Sonst muß man Sifroni das Zeugnis ausstellen, daß seine Höllen-