Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912886-2922190--06812-2922334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
412 MENORAH Tikwah hieß bei ihnen „Mulebbis"; Beer-Jaakob — „Bir-Salem". Die einzige Ausnahme bildete Rischon-le-Zion; sie nannten es „Rischon", da der Wein bei ihnen sehr beliebt war und es unziemlich wäre, einer Flasche Kognak einen Namen beizulegen, der einem solchen abstinenzlerischen Volk wie dem mohammedanischen angehört. Wir stiegen bei Beer-Jaakob aus. Unweit der Kolonie, rings um zwei größere Häuser, die früher einem deutschen Farmer gehört hatten, zog sich ein Städtchen aus Zelten und Baracken — das war das Hauptquartier des Generals Allenby. Hier trennten wir uns: der Colonel ging den Führer der Palästina-Armee besuchen, während ich in einem Automobil nach Tel-Aviv fuhr. Am selben Abend trafen wir uns im Hauptquartier und tauschten unsere Eindrücke aus. Meine waren sehr frohe; seine — ganz anderer Natur. Ich hatte die „Braut" besucht, die arme Braut, die des Bräutigams harrte, voll Glauben, daß auch er in sie verliebt sei. Patterson war aber beim reichen „Mechuttan" zu Gaste gewesen .. . Jaffa und Tel-Aviv fand ich in einem Zustand ungeheurer Begeisterung. Ich sage „Jaffa und Tel-Aviv": heute sagt man „Tel-Aviv und Jaffa" oder erwähnt Jaffa überhaupt nicht. Damals war Tel-Aviv noch ein unscheinbares Städtchen, das dreitausend Einwohner zählte; richtiger gesagt, nicht einmal ein Städtchen, sondern einfach ein Gymnasium mit einigen Dutzend Häusern ringsum; ein rein europäisches Viertel für Intellektuelle. Der größte Teil der Juden wohnte damals noch in zwei Stadtvierteln von Jaffa — in Neweh-Schalom und Neweh-Zedek. Unweit der Stadt begegnete ich einem etwa zehnjährigen jüdischen Knaben, den ich zu mir ins Automobil nahm, da er versprach, mir den Weg zu meinem alten, seither verstorbenen Freund Bezalel Jaffe zu zeigen. Als wir weiter fuhren, erzählte er mir die letzten Neuigkeiten: auf englischen Schiffen komme eine jüdische Armee von vierzigtausend Soldaten; an der Spitze der Armee stehe General James Rothschild, ein Söhn des Barons. Ich hatte Mitleid mit ihm und wollte ihm nicht verraten, daß wir vorläufig nur ein Bataillon waren. Meinen Freunden in Tel-Aviv mußte ich es jedoch gestehen, obwohl ihre Erwartungen nicht so übertrieben waren wie die des Knaben, fühlte ich dennoch ihre Enttäuschung heraus. Aber die Hauptsache, die sie so sehr in Anspruch nahm, daß im Vergleich damit sogar die Größe unserer Legion keine Rolle spielte, war ihre eigene Legion, die „Hitnadwut" (Selbstmobilisierung). Ihr