Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 410 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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410 MENORAH Aber etwas Komisches gab es in den Briefen: das Jiddisch. Bis zu jener Zeit kannte ich bloß das offizielle Jiddisch der Zeitungen und Versammlungen. Ich muß gestehen, ich hatte mir manchesmal über einen Annonoentext den Kopf zerbrochen: „Seats kennen im Box gebookt weren . . ." Hier aber sah ich die unheilvolle Zerstörung, die die Wanderung in einer Sprache anrichten kann. Ohne die Kenntnis des Englischen, besonders des ,,Slang" (Gassendialekt), wäre es unmöglich gewesen, zu verstehen, was sie schrieben; und bei den Leuten, die aus den südrussischen Städten kamen, gab es noch ein anderes Unglück — ein Drittel jiddisch, ein Drittel englisch, ein Drittel Odessaer russisch. Manchmal hat dieser Mischmasch ganz schöne Kombinationen produziert: meiner Meinung nach ist das kurze Wort „Boytschikel" (Knabe), das Elemente aus drei Sprachen enthält, ein linguistisches Meisterwerk; keine Sprache in der Welt kann es nachahmen. Aber meistenteils war es unerquicklich. Eine verdorbene Sprache, aber eine reine große Volksseele. Mir ist es um die Stunden nicht leid, die ich mit dem Lesen jener Briefe verbrachte, sie zeigten mir, daß der „Schneider" ein Heim hat und es lieben kann. Ich fand in ihnen nichts zum Zensurieren — obwohl man in einigen arg über den „Zensor" hergefallen war. Und ich weiß nicht einmal, wer ihm geflucht hat, da ich jeden Brief ehrlich in sein Kuvert wieder hineinlegte, ohne auf die Adresse zu sehen. ir erwarteten Gäste. Einige Tage vor unserer Abreise aus England kam ein Telegramm aus New York, gezeichnet „Brainin, Ben-Zwi, Ben- Gurion". Es berichtete uns über den Beginn der Rekrutierungskampagne für unsere Legion in Amerika. Die griechische Regierung teilte mit, daß sie gestatten werde, Freiwillige in Saloniki zu rekrutieren. Aus Buenos Aires langte ein Telegramm ein: „Englische Bewilligung erhalten, Wladimir Hermann." Auch in Ägypten wurde ein Rekrutierungsoffice eröffnet. Aber die schönste Botschaft traf aus Palästina ein. Als der Zug mit dem Bataillon in den Bahnhof von Kairo eingefahren war, lief ein junger Mann in Khaki auf mich zu: „Mein Name ist Alloni," sagte er, „ich wurde aus Tel-Aviv hiehergesandt, um die Legion im Namen der palästinensischen Freiwilligen zu begrüßen." Und er berichtete mir über eine große Bewegung in jenem Teil des Landes, der schon befreit worden war, in Jerusalem, Tel-Aviv und Jaffa, in den Kolonien von Judäa, ferner über Gerüchte, daß sogar