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Menorah · 1928-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1928) · p. Seite 409

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1928)
Article
Vom Nil zum Jordan
Date
1928-06-01
Page
Seite 409 (sequence 5)
Language
German
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VOM NIL ZUM JORDAN 409 Mal, daß es in unserem Bataillon auch einige Litauer — nicht „Litwaken", sondern christliche Litauer gab. Sie hatten vorher in einem Kohlenbergwerk irgendwo bei Glasgow gearbeitet und als sie einrücken mußten, meldeten sie sich zu uns. Ich habe vom Litauischen keinen blauen Dunst, ich weiß nur, daß sie Deutschland „Vokietia" und einen Polen „Lenkas" nennen. Es wäre meine Pflicht gewesen, die Zensur dieser Briefe zu verweigern, aber dies hätte damals zur Folge gehabt, daß die Briefe überhaupt nicht befördert worden wären, denn wo sollte man in Ägypten jemand finden, der diese Sprache verstände? Ich beschloß also, den Sieg der Alliierten aufs Spiel zu setzen und signierte auch die litauischen Briefe mit ,,0. K."1). Aber eines verstand ich in diesen Briefen: die Litauer waren unter unseren Soldaten die einzigen, die den Weg beschrieben, geographische Namen erwähnten, über spezielle Aufgaben der Legion berichteten — mit einem Wort, sie waren die einzigen, die sich über höhere, nicht streng private Angelegenheiten ausließen. In ihren Briefen fand ich immer Worte wie „Nizza46, „Italia", „Egyptas" sogar „Jerusaliinas" und „Sionismas". In den jiddischen Briefen — in hunderten von ihnen — gab es fast nur einen Stil: „Der Weg ist schön"; „Ein wenig eng in den Waggons"; „Das Meer war Gott sei Dank ruhig" und dann folgt die Hauptsache, das Wichtigste: „Was machen die Kinderchen?" „Wie steht's mit Chaneies Zähnen?'' „Mit Josefs Masern?" „Sehne Dich nicht krank, Teuerste, besuche einmal das Kino und die Music Hall"; „Hast Du schon Gas in der Küche?" — Eine unendliche Liebe zum Heim, nicht zu irgend einem Land, irgend einer Stadt oder Gasse, sondern zum eigenen Heim — „sein Heim, das ist seine Frau", sagt der Talmud; aus der Ferne die ewige Sorge um jede Kleinigkeit im Haushalt und in der Familie. Ich weiß nicht, ob das nicht mehr bedeutet als Patriotismus. Gebet diesen selben Menschen ein „Heim" nicht in einem fremden Lande, wo sie Emigranten von gestern, sondern ein Heim, wo Haus und Gasse, Stadt und Land ineinander verflochten sind, Stufen derselben Treppe, in demselben Gebäude, eine von der anderen unverrückbar, dann werdet Ihr vielleicht die Psychologie der Zeloten Bar-Kochbas bekommen. Oft schämte ich mich fast, so tief in das Allerheiligste der Seele eines fremden Menschen blicken zu dürfen. Ich machte es mir zum Prinzip, den Brief aus dem Kuvert zu nehmen, ohne die Adresse zu lesen. l) „Gutheißen". Woher die Buchstaben stammen, weiß niemand: es bestellt nur die Legende, daß sie von einem General herrühren, der damit „011 kreckt" (statt „all correct") bezeichnen wollte.

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