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Menorah · 1928-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1928) · p. Seite 402

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1928)
Article
Die Seele des Juden und das Buch
Date
1928-06-01
Page
Seite 402 (sequence 5)
Language
German
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402 MENORAH Leben längst erloschen. Das Gefährliche gehört zur großen Vernunft.. . Die Seele des Juden, solange er jung ist, erliegt der Verführung und Gefahr des Buches zu oft — oder erlag ihr allzuoft. Den Körper verleumdend und entwertend, floh der junge Jude gar zu gern in die Zone des gedruckten Lebens, um sich für die Niederlagen im körperlichen zu entschädigen. Lesen befreite ihn aus der verfluchten Gegenwart, in der er Paria war; im Reiche des Gelesenen, Gedruckten, Geschriebenen war er Sieger und billig erlauschter Prinz. Und so kam er zu Schaden an seiner Sele, vor allem an ihr und nicht nur am Leibe. Aber schuld daran war der Zustand der Erde, das tausendjährige Mittelalter, das lange Galuth, und falls er am Ressentiment erkrankte, wie Max Scheier einmal irrig anmerkte, so war dies nicht sein Aussatz, sondern der Europas, das anzuprangern der Jude Anlaß genug hat: all die weißen Völker und ihre Geistigkeit, kostbar und erhaben in die Seele des jungen Juden gebrannt, indes ihre Entrechtungen und Entwertungen ihm den Leib ätzten und den Charakter stahlen, ihm das eigene Selbst verdächtigten, das Wesen aushöhlten und ihn füllten mit Sucht nach jenen Werten, ihm gezeigt und verboten mit vornehm gerümpfter Stumpfnasie! Und wenn dem jungen Juden dann, vom Wettbewerb des Lebens weggejagt, erst Gift und Kraft des überreizten und überfütterten Gehirns den Zugang zu ihm vom Geiste her ermöglichte; welche Flucht der jungen Jüdin zu den normalen Nichtjuden, welche Ablehnung des in den Geist Gezwungenen durch die Völker, die ihn da hinein erst zwangen! Das Gift des Buches, genannt Flucht vom Leben, Flucht ins Lesen, in die Phantasie ohne Schöpferkraft, in die abstrakte Überlegenheit, in die Verkümmerung und Verleumdung des Lebens: das war Gift des Galuth; und erst als die Jugend das Galuth innerlich überwand, zugleich mit dem Leibe auch das jüdische Land als Ideal entdeckend, ward zur Entgiftung des Buches der erste Schritt, gegen die Hypertrophie des Kopfes das Entscheidende gefunden. Der Jude, der nicht mehr ins Buch flieht: der erst lernt richtig lesen. Gehe es ihm nicht wie dem Deutschen, der um 1860 aufhörte, ins Buch zu fliehen — und dann aber auch gründlich ihm und dem Geist entfloh — um bei 1914 zu landen: Zusammenbruch des Geistes vor dem Faktum der Gewalt. Keine geistige Autorität hielt stand vor dem entfesselten Kriege. Denn: der auf Kosten des Natürlichen genährte Geist ist außerstande, das Leben zu vergeistigen. Was in der Phantasie sich ausgießt und auf den trügerischen und holden Weiden der Imagination sich erschöpft, das verfehlt, gestaltend ins Leben einzuströmen. Daher — und

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